Anne bricht auf

Astrid Arndt

Füße stehen für unser Ver-Stehen.“ Bitte??? Was ist denn das für ein Blödsinn! Aha, Psychosomatisches Training – tolle Broschüre, wer braucht denn so was… „Schmerzen in den Füßen verweisen deshalb auf Probleme mit dem Verständnis unserer selbst, dem Verständnis des Lebens und – dem Verständnis anderer Menschen.“ Und damit soll ich mir jetzt meine Mittagspause im Büro versauen! Zwangsverordnet vom Betriebsarzt, mit freundlichen Grüßen. Weil meine Einlagen auch nicht mehr helfen gegen das Stechen, das mir die Füße zermalmt… („Denken Sie mal anders, Anne! Lassen Sie das Auto stehen, fahren Sie mit dem Rad zur BASF! Wenn’s sein muss mit der Stra-ßen-bahn!“) Mit der Straßenbahn? Der hat sie doch nicht mehr alle…

Und „Probleme mit dem Verständnis anderer Menschen“ hab ich überhaupt nicht, also wirklich – dass ich nicht lache! Davon können die Schmerzen also nicht kommen… Nur den Mensch da drüben, den werd‘ ich NIE verstehen, den Kerl am Schreibtisch gegenüber. Will ich aber auch gar nicht! Selbst wenn das Stechen sich dadurch „pffft!!!“ in Luft auflösen würde… Sitzt den ganzen Tag vor meiner Nase und schweigt, schweigt, schweigt. Bremsklotz mit Ohren. Schließfach im Anzug. Als ob die Arbeit nicht auch mal zum Reden da wär. Nicht sowas wie Quatschen, nein,nur ein paar freundliche Worte zwischendurch, nur ein paar! Damit der Umzug hierher in dieses blöde Großraum-Büro nicht ganz so langweilig ist! … Aber der SITZT da ja nur. Links von mir. Schräg hinter der Topfpflanze. Natürlich links. Ist ja auch mein linker Fuß, der wehtut! Wehtut seit…, ja, seit ich hier bin, wenn ich’s genau bedenke… Ach, unwürdig ist das. Da redet ja meine Topfpflanze mehr. Ganz zu schweigen von meiner Nachbarin zuhause.

Meine Nachbarin. Ach ja. Hilft mir jetzt auch nicht, die. Neulich beim Walken im Wald-Park, da hab ich sie getroffen. Da ist sie an mir vorbeigehüpft, jaja – die joggt noch, strahlend wie ein Tannenbaum. Die muss noch nicht walken, nein, wo kämen wir da hin. „Na?“, hat sie geflötet, „Alles fit? Niiiicht? Der Fuß? Siiieht man gar nicht – also, FAST gar nicht, wirklich…“ Und weitergehüpft, die Gute, im mittleren Känguru-Tempo. Mit seligem Funkeln in den Augen wie Zündkerzen mit Tannenduft. Dabei bin ich auch so gern gejoggt früher! Durch den Wald wie auf Luftkissen. Kurz vorm Hovercraft. Grad, dass ich nicht über den Rhein geschwebt bin in mein Büro! Mein nettes Einzel-Büro. Mein altes…

Schweben, genau, das wär’s: „Ich bewege mich mit Freude und Leichtigkeit in die Zukunft“, steht hier im Trainingsbuch. Das soll man sich vorsagen, damit der Schmerz vergeht – Leichtigkeit? Von wegen! Mein Ballen knirscht wie ein Schotterbett, bei jedem Schritt! Knorpelgemüse an Zehenbroccoli auf Betonsohle… Gooott, Hunger hab ich auch schon wieder … Ich kann mich doch jetzt noch nicht in der Kantine blicken lassen! Oder – ginge ein Snickers vielleicht als „vegan“ durch??? Naja, was soll’s.

Außerdem, das mit der Zukunft, das hab ich schon gemanaged. Paar Jahre noch, dann darf ich wieder übern Rhein rüber. Wenn das Einzelbüro nämlich saniert ist. Nur paar drei oder vier Jahre… Und der Bremsklotz hier ist eh auf dem Sprung. Hat vor, sich ein anderes Depot zu suchen. (Hört man jedenfalls hintenrum.) Echt, in wenigen Monaten schon! Also werd‘ ich das aussitzen bis dahin. Ich hab Zeit. Aussitzen werd‘ ich das!!! Mit Snickers! Aber sitzen eben,… nicht joggen.

Alsooo…. – nein, es reicht! Ich ertrag’s einfach nicht. „Wenige Monate“ ist auch zu viel. Meine Topfpflanze guckt schon ganz schief. Sitzen, meint sie, sei IHR Ding, nicht meins! „Du bist jemand, der auf andere zu-geht!“, wedeln ihre Blätter. „Das ist schließlich dein Job, Anne! Client Service Manager, Mädchen!! Also mach was, brich auf, Anne! Zu neuen Ufern!!“ Sonst noch was, Pflanze? Halt bloß die Klappe oder ich dusch Dir eins über!!! Aber… auf Klienten geh ich immer zu, da hat sie recht. Die versteh ich so was von im Schlaf! Zugegeben, ab und zu sind ein paar Topfpflanzen drunter, aber – doch, ich werd jetzt zugehen auf den da drüben. Genau das mach ich. „Mit Freude und Leichtigkeit“, wie in der Broschüre! Sein Schließfach aufbrechen, den Bremsklotz entfernen, die Zündung anwerfen. Der wird noch weinen, dass er seinen Schreibtisch räumen wollte, WEINEN wird der!!!… Naja, oder auch nicht. Vielleicht mach ich doch besser den PC an. Vööllllig gelassen. Joggend von innen, känguru-mäßig. Nur jetzt…jetzt… schaff ich’s grad nicht. Ich glaub, der Tannenduft streikt.

Kann denn der überhaupt sprechen, der Kollege? … Doch, doch, ganz am Anfang, da hat er mal was verlauten lassen. Dunkel. Von zweiter Frau und Kind und so. Aber dann war wieder Ruhe. Ausgiebig Ruhe. Ihn ansprechen wird also gar nicht helfen, schätz ich, völlig falscher Plan!

Vielleicht werf ich ja die Topfpflanze? So mit Karacho und Peng, direkt auf seinen Schreibtisch? Das wär ein Aufstand! Erde saut seine Papiere ein, Tonscherben zerkratzen die Designer-Schuhe und Gummiblätter winken aus dem Flach­bild­schirm! … Aber das wär unfair. Gegenüber der Topfpflanze. Und womöglich sagt er dann doch noch was, nur so aus Versehen. Oder er puhlt sich die Erde aus dem Schließfach, oh Gott – da schweigt man doch besser.

Moment! Da schweigt man doch… besser? – Das wär’s eigentlich wirklich – besser schweigen als er!!! Nicht so: Mauer zu und Beton drüber, nein – schwingend schweigen. Durch ihn hindurch. In Kringeln im Raum rum, alle Mauern auf-schweigen, bis die Algorithmen tanzen! JA, dann seh‘ ich ihn vor mir: Sein Ellbogen hebt sich von der Lehne, die Krawatte fängt an zu funken und drei Tage später bringt er seinen Lieblings-Kaktus mit. Unscheinbar, aber mit der gleichen Stoppelfrisur.

Da schweigen wir dann zusammen, die Pflanzen und wir. Von morgens bis abends, sa-gen-haft! Oder besser: Nichts-Sagen-Haft.

Hach, die Lösung liegt eben immer im Detail!

Steht übrigens auch in meinem Trainingsbuch: „Zehen bedeuten KLEINERE Einzelheiten der Zukunft.“ Tja!!! Man hätte gleich bei „Zehen“ nachschlagen sollen.

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