Carpe Diem

Helga Osswald-Ludwig

„Bist du auch aufgeregt?“ Ich greife nach Tinas Hand auf meinem Beifahrersitz. Ich drücke sie fest, während ich auf der Autobahn hinter den Männern herfahre. „Die ganzen letzten Wochen freue ich mich schon auf unsere Reise, ich will nur noch Schönheit tanken und genießen.“ Der Verkehr fließt. Im Radio läuft ein Divertimento von Mozart. Die Musik passt, ist beschwingt und lebhaft wie unsere Vorfreude. Im Kopf tausend Bilder unserer vergangenen Reise. Wie gut es uns ging, Feuer machen im Campground, Singen zu Peters Gitarre, gemütlich Sitzen und Reden im Wohnmobil. Und die Männer fahren uns durch einmalige Landschaften von USA und Kanada.

„Weißt du noch die Schlamperqueen? Unsere Verballhornung? Mal sehen, wie er diesmal heißt, der Wohnwagen.“

Da sind wir schon kurz vor Darmstadt.

„Tina, bitte, schau mal auf dem Rücksitz in meiner Handtasche nach, ob mein Reisepass drin ist.“ Siedend heiß schießt plötzlich eine Unsicherheit in meinen Kopf. Habe ich den Pass vorhin beim Wechseln der Handtasche mit umgepackt? Tina wühlt gründlich in meiner Tasche, holt alle Gegenstände heraus, schüttelt noch mal, schaut fragend zu mir. Ich fahre mit 160 km/h.

„Nein, da ist er nicht. Bist du sicher, dass du ihn nicht woanders hast?“

Ich weiß plötzlich, er klemmt noch in der Seite der anderen Tasche, ich sehe sie vor mir, er ist nicht mit herausgefallen.

„Er ist noch in Heidelberg“, sage ich und fühle Angst und Hilflosigkeit in mir hochsteigen.

Ich gebe Gas, blinke mit dem Fernlicht auf und schalte das rechte Blinklicht ein. Die Männer verstehen und peilen den nächsten Parkplatz an. „Tina fährt mit euch weiter. Ich muss zurück, mein Reisepass wollte offensichtlich nicht gleich mit“, versuche ich einen Scherz und schaue auf die Uhr. „Wenn ich großes Glück habe, schaffe ich es, mehr weiß ich auch nicht.“ Ich steige in den BMW und rase los.

Die nächste Ausfahrt ist glücklicherweise nicht weit. Ich wechsle die Autobahn in Richtung zurück. Einige Kilometer lasse ich mit 200 km/h hinter mir, so schnell bin ich noch nie gefahren. Da bremst mich ein Stau. Was mache ich jetzt? Ich kann doch hier nicht warten, bis sich der Stau auflöst oder nicht auflöst! Schon fahre ich nach rechts auf die Standspur, schiebe mich Meter um Meter an den links neben mir haltenden Fahrzeugen vorbei und denke: Wie soll ich das schaffen? Wie soll das gehen? Ich schaue nicht nach links, halte mich wie angekettet am Lenkrad fest. Strafende Blicke kann ich jetzt nicht gebrauchen. Da löst sich ein Laster aus der Spur und versperrt mir die Fahrt. Ein selbsternannter Polizist. Davon gibt es viele. Ich verstehe ja, dass er sich ärgert. Eine Ausfahrt ist in Sicht. Ich fädle mich zurück in die Fahrspur ein. Das dauert, kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Der Stau bewegt sich in Zentimetergeschwindigkeit. Jetzt kann ich wieder auf die Standspur, fahre etwa dreihundert Meter, da ist der Stau zu Ende. Kein Unfall? Nichts! Zeit, mich zu wundern, habe ich nicht. Ich gebe Gas, meine Hoffnung gleich Null, aber vielleicht hat der liebe Gott ja ein Einsehen mit mir. Wäre ziemlich nett.

Noch 25 km bis Heidelberg und dann durch die ganze Stadt? Ist es nicht sinnlos? Noch so weit und die anderen sind schon im Flughafen. Und so wenig Zeit! Da, eine Baustelle! Auch das noch! Muss ja mal sein, dass hier was ausgebessert wird. Ich nähere mich der Verengung. 40 km/h mit Blitzkontrolle ist angezeigt. Ich reduziere vorschriftsmäßig und beschleunige, als ich die Säule hinter mir habe. Mein Herz klopft, mein Kopf dröhnt.

Die Ampeln in der Stadt auf der B37 scheinen mir wohlgesonnen. Die 36 Stufen vorm Haus überwinde ich mit Herzstechen, greife den Pass, muss dringend zur Toilette, stürze die Stufen hinunter und beginne die quälende Rückfahrt durch die Stadt von Ampel zu Ampel.

Das Handy klingelt. „Wo bist du? Beeil dich. Peter und Tina haben schon eingecheckt. Wir sollen das dann direkt am Gate machen. Komm schnell!“

„Fliegen habe ich nicht auf der Armatur. Wann ich ankomme und ob überhaupt, weiß ich nicht. Ich fahr gerade wieder los.“ Ich beende das Gespräch.

Warum tu ich mir das an? Warum bleibe ich nicht einfach hier? Bleiben und nur noch die Augen schließen. Wie schön es zu Hause ist! Ich habe jetzt schon Heimweh. Carpe diem – dieser schöne Satz ist in meinem Kopf. Genieße den Tag, pflücke ihn, mach das Beste daraus, nutze den Tag. Lauter schöne Gedanken, ein wirklich toller Satz. Und was ist mit dem heutigen Tag? Genieße ich? Mach ich das Beste daraus? Heute nutze ich! Jede Sekunde! Welch kluge Sätze mir schon begegnet sind. Beim Lesen überzeugen und bereichern sie. Aber jetzt denke ich: Leichter ist es Sprüchlein dichten, als sich nach den Sprüchlein richten.

Die Autobahn ist frei. Ich schieße los. 200 km/h, mehr auf keinen Fall, bin nicht lebensmüde. Dann sofort wieder – und wenn ich noch so schnell fahre, wie soll ich das schaffen? Und gefährlich ist es auch. Ich kehre um. Meine Augen haften konzentriert auf der Spur. Das Gaspedal halte ich gedrückt, bleibe unentwegt auf der äußeren Überholspur.

Das Telefon klingelt: „Wo bist du? Wenn du‘s nicht schaffst, fliegen wir morgen nach. Peter und Tina sind dann schon dort und holen das Wohnmobil. Vielleicht schaffst du‘s ja noch. Fahr vorsichtig!“

„Ist gut“, sage ich und denke: Lass mich einfach in Frieden. Morgen ein Ticket nach USA lösen? Geht überhaupt nicht, das weiß doch jeder. Ich komm schon noch rechtzeitig, mache ich mir Mut und rase weiter wie über den Hockenheimring zur Weltmeisterschaft. Wie konnte ich nur so gedankenlos sein und den Pass für eine USA-Reise vergessen. Carpe Diem! Für uns Vier gebe ich wie eine Verrückte Gas.

„Die Lufthansa sagt, sie können nicht mehr warten.“ Rolf schon wieder. „Wir sollen in fünf Minuten am Gate sein.“

„Ich bin fast da“, stöhne ich ins Telefon und vermute einen Schutzengel – nehme die Anfahrt zum Terminal 1. Dass man hier so schnell fahren kann, denke ich noch. Da sehe ich Peter am vordersten Eingang zum Lufthansa-Abflug. Tina und Rolf mit ausgebreiteten Armen dahinter. Ich halte an, falle beim Aussteigen erschöpft in sie hinein. Ein heftiges Schluchzen schüttelt mich. Peter fährt den Wagen in die Tiefgarage.

„Den Pass, gib mir deinen Pass und komm mit Tina zum Gate. Alles muss schnell gehen. Sie warten nur noch auf uns.“

Schon ist Rolf verschwunden. Mit Tränen in den Augen lasse ich mich schnellen Schrittes von Tina an der Hand führen. Sie drückt mich, wir schauen uns an, lachen schon wieder.

„Toll gemacht! Dass du das geschafft hast! Ich hätte das niemals gekonnt. Du bist geflogen, gib‘s zu.“