Das Gewitter

Kathrin Hall

Tropfen prasseln. Draußen zucken Blitze. Ihre hellen Funken kommen immer näher und dringen durch die schmalen Ritzen der verwitterten Fensterläden, die sich mit energischem Klappern dem zerrenden Wind entgegenstellen.

Auch Frida zuckt. Erst sind es ihre Augenlider, die flattern, dann erwacht ihr Körper aus dem Halbschlaf und tastet sich routiniert durch die Nacht. Es ist Zeit.

Ihr brauner Koffer – glatt und unbenutzt seitdem sie ihn zur Aussteuer bekommen hatte – sowie die zerbeulte Reisetasche, um die sie noch zwei Lederriemen hatte drum herum binden müssen, stehen zu ihren Füßen bereit. Gepackt hatte sie beide bereits am Abend, als der Regen regelrecht zu riechen war und die erdrückende Schwüle ihre Konzentration fahrig werden ließ. Dreimal musste sie die Leibchen zählen, viermal die Scheine, die jeden Tag weniger wert waren. Hatte sie alles? Hatte sie auch wirklich nichts vergessen? Und wenn doch, Hauptsache, sie kommen unbeschadet davon. Wie viel Leben doch in zwei Taschen passt … Erich wird mit Tragen helfen müssen.

Frida seufzt, sieht sie doch schon im Geiste den Kampf mit Gretchen. Vielleicht sollte sie doch den Bollerwagen mitnehmen. Dann müsste sie sie nicht auf dem Rücken tragen.

Ein erneutes Donnerrumsen reißt Frida aus ihren Gedanken, lässt ihre Finger ruhelos werkeln, schnüren, knöpfen, ihr Bett machen. Wenn nun endlich ein Blitz hier einschlagen würde, hätte sie wirklich allen Grund dazu, diesen Ort mit seinen klatschsüchtigen Bewohnern hinter sich zu lassen. Sie könnte bei Klimkes die restliche Nacht verbringen bevor sie am nächsten Tag in die Bahn steigt und dieser Scheinehe den Rücken kehrt. Dieses Mal, so schwört sie sich, würde sie mutig genug sein. Wo kein Haus, da kein Bleiben, kein stummes Erdulden. Ein Einschlag käme gerade recht.

Der werte Herr Gemahl würde sich umgucken, wenn sie ihn nicht mit offenen Armen empfängt. Da kann er dann gleich bei seinem Liebchen anklopfen und sich trösten lassen. Soll die doch seine Wunden streicheln. So oft, wie die an ihrer Toreinfahrt steht und nach ihm Ausschau hält – einfach erbärmlich. In seinem letzten Brief hatte er angekündigt, dass sich seine Zeit im russischen Lager dem Ende näherte. Die Gerüchteküche brodelte. Frida seufzt und erinnert sich an früher. Ihr Mann hatte mit seinem Charme bis jetzt jede und jeden um seinen kleinen Finger wickeln können. Warum nicht auch den Ivan? So schlecht schien es ihm in der Ferne nicht zu gehen.

Frida schaut zum Fenster. Der Regen scheint stärker geworden zu sein. Ob sie einen Blick nach draußen riskieren sollte, hinüber zum schemenhaften Haus ihrer Mutter, die in ihrem Alter immer mehr Pflege einforderte. Ihre herrischen Allüren würde sie nicht vermissen, ihr Bruderherz und seinen Salon schon. Wer sollte denn dann die Haare auffegen? Sicherlich könnte sie eine Anstellung anderswo finden. An der Ostsee vielleicht. Sie hatte noch nie das Meer gesehen. Oder als Kaltmamsell arbeiten, in Hamburg, in der Elbchaussee. Allerdings würden sich die ansässigen Herrschaften bedanken, wenn sie mit ihrer Kinderschar an deren Tür klopfte, auch wenn sie noch so gut im Kragenstärken war. Wenn Sprit nicht so rar wäre, könnte sie sich als Fahrerin verdingen. Die Leute hatten damals immer nach ihr verlangt, hatten zu schätzen gewusst, heile anzukommen, ohne dabei in Angstschweiß auszubrechen oder sich am Türgriff festklammern zu müssen. Manchmal gab es sogar ein paar Pfennige extra. Davon konnte sie den Lütten ab und zu ein Karamell kaufen, um sie ihre Striemen an Armen und Beinen, die sie aus der Schule mitbrachten, vergessen zu lassen.

Ein Schauder bahnt sich an und Frida reibt schnell ihre Unterarme, um ihm Einhalt zu gebieten. Manchmal half’s.

Nein, sagt sie sich, es ist doch besser, nicht rauszuschauen, lieber still auf dem Rand des knarzenden Bettes sitzen zu bleiben. Sie war schon immer gut darin gewesen, der Dinge zu harren, wie auf den Blitz und ohrenbetäubenden Donner, die just in diesem Moment gleichzeitig über ihr zusammenkrachen. Fridas Atem stockt, genau wie ihre Hand, die nach oben wollte, um ihre Augen vor der Grelligkeit zu schützen. Die dünnen Wände beben und bei Else fallen ein Dutzend Ziegel vom Dach, zerdeppern in tausend Scherben auf dem Holperweg, bringen ihre Geister in Bewegung. Ja, das musste es sein. Was nun? Kinder. Taschen. Jacke. Zum Glück ist nicht tiefster Winter. Ade Kleckerdorf, ade Gosse, ade Geranien, ade Minka. Du gehst brav zu Else, die wird sich um dich kümmern.

Einmal tief ausatmen, Frida reckt die Nase. Nein, kein Feuer. Kein Rauch. Noch nicht. Die Schweine nebenan quieken. Frida faltet die Hände und weiß nicht, ob sie Gott um einen brennenden Dachstuhl bitten soll. Scham steigt in ihr hoch. Ihr Vater würde sich im Grabe umdrehen, wenn er davon wüsste. Frida lauscht angestrengt. Nein, kein Knistern, kein einziges Knacken. Selbst Elses Gießkanne draußen auf dem Hof scheppert nicht mehr.

Eine viel zu kurze Ewigkeit vergeht. Frida zählt leise die Sekunden zwischen letztem Blitz und Donnergrollen, zählt den Abstand zwischen immer leiser werdenden Tropfen. Das Unwetter zieht vorbei.

Frida schließt die Augen und seufzt. Das war’s also. Dann wird sie bleiben müssen. Die Schweine wird’s freuen. Ihre Mutter auch. Schwerfällig schält sie sich aus ihrer Reisegarderobe, schlüpft erschöpft aus den Schuhen, schiebt Tasche und Koffer behutsam unters Bett bevor sie sich, mit einer Hand im Rücken abstützend, mühsam erhebt und dabei ein Stöhnen unterdrückt. Morgen wartet zur Abwechslung der Kartoffelacker auf sie. Bevor sie das gemachte Bett zurückschlägt und müde auf das kalte Kissen sinken kann, geht sie lautlos auf Zehenspitzen ans andere Ende der Kammer, schaut hinab auf die engelsgleichen Gesichtchen ihrer Kinder, die, Gott bewahre, nichts von dem tobenden Unwetter mitbekommen haben. Der Sturm ist vorüber, das Meer wird warten müssen, und bald schon würde der Herr Gemahl wieder schalten und walten, als wäre er nie fort gewesen, würde keinen blassen Schimmer haben, dass sie auf Regen wartet, der sie eines Tages fortwäscht.