Das Glück des einsamen Professors

Gertrud McCalmon

 

 

 

 

Ludwig Klauer, emeritierter Professor der Philosophie, litt unter dem Verlust seiner geliebten Frau Elli, die er jüngst zu Grabe tragen musste. Ein plötzlicher und völlig unerwarteter Abschied von seiner Frau, die seit den gemeinsamen Studienzeiten an seiner Seite stand. 60 lange Jahre durften sie miteinander glücklich sein. Er war einsam, das Liebste in seinem Leben war ihm genommen worden. Fortan mied er die Bibliothek, denn dort hatten sie an den Winterabenden immer vor dem lodernden Kaminfeuer gesessen, gemeinsam eintauchend in die Literatur der Romantik. Eichendorffs Gedichtsammlung war beider Lieblingslektüre gewesen. Ludwig vermisste schmerzlich die lebendigen Gespräche mit Elli, die in der Interpretation eines gerade gelesenen Gedichts seinen philosophischen Auslegungen nicht folgen mochte. Wie sehr das Gelesene sie bewegte, welche Gefühle die Verse in ihr hervor riefen, das war für sie maßgebend. Heute würde er ihr gerne sagen wollen, wie er sie insgeheim bewundert hatte, wenn sie trotz seiner verkopften Argumente unbeirrt an ihrem Gefühl festhielt über das, was der Text wirklich sagen wollte.

 

Es war 8.00 Uhr morgens. Der Sonnenstrahl, der durch die halb zugezogenen Vorhänge seinen Weg in Prof. Klauers Schlafzimmer fand, versprach einen wunderschönen Tag. Nach seiner Pensionierung hatte er sich angewöhnt, etwas länger liegen zu bleiben. Seiner Frau war das gerade recht gewesen, so konnte sie immer in aller Ruhe das Frühstück richten. Aber heute hatte Frau Mayer das Frühstück angerichtet. Sie versorgte schon Jahre lang drei Mal die Woche den Haushalt und genoss das volle Vertrauen des Professors. Auch sie vermisste die Dame des Hauses und konnte den Schmerz des Professors nachempfinden. Doch an diesem Morgen verschmähte er das von ihr zubereitete Omelett und ließ auch die Tasse duftenden Bohnenkaffees unberührt stehen. Mit einem Band Eichendorff-Gedichte unterm Arm und einem hastigen „Guten Morgen“ an Frau Mayer verließ er eilig das Haus. Irgendetwas nicht Greifbares drängte ihn, sich auf den Weg zur Philosophenhöhe zu machen. Viele Male war er mit Elli den langen und steilen Weg hoch marschiert, um sich oben an der märchenhaften Aussicht auf Fluss, Altstadt und Schloss zu erfreuen. Viele Male hatten sie auf einer der Bänke in der von Blumen umringten Anlage gesessen, die gleich nach der Bewältigung des Aufstiegs zum Verweilen einluden. Sie verbrachten mit dem Zitieren aus Eichendorffs Gedichten eine zauberhafte Zeit und hielten stets auf ihrem Heimweg kurz vor der in der Nähe aufgestellten Büste des Dichters inne.

 

An diesem Morgen ließ sich Prof. Klauer von einem Taxi zum Fuße des Philosophenwegs bringen. Seine von Rheuma geplagten Knie erlaubten nur einen sehr langsamen Aufstieg. Immer wieder musste er eine Pause einlegen, doch dann war es geschafft. Erschöpft nahm er auf der Bank Platz, die er und Elli insgeheim als „ihre“ Bank bezeichnet hatten. Nur ein bisschen ausruhen, nur zu Atem kommen, dachte er, dann möchte ich, in Erinnerung an vergangene Zeiten, den Gedichtband zur Hand nehmen.

 

Doch ehe Prof. Klauer dazu kam, sich der Lektüre zu widmen, sah er zu seiner Verzückung Elli in ihrem seidenen Lieblingskleid auf sich zukommen. Sie setzte sich zu ihm. Zärtlich strich sie ihm über sein ergrautes Haar und flüsterte: „Schlag das Buch auf, lass uns gemeinsam mein Lieblingsgedicht „Letzte Heimkehr“

lesen.

„Nun ruh’ zum letzten Male aus,

wenn du erwachst,

sind wir zu Haus.“

 

„Mein über Alles geliebter Ludwig, ich bin bereits zu Hause angekommen und warte auf dich. “

 

Verwirrt schreckte Prof. Klauer hoch. Suchend schaute er um sich. War er eingeschlafen? Waren es Sekunden, Minuten oder gar länger? Er spürte noch Ellis Hand auf seiner Hand ruhen und ein Hauch ihres Parfüms schien in der Luft zu liegen. War das wirklich nur ein Traum gewesen? Ergriffen, in seinem Innersten aufgewühlt, begab er sich gedankenschwer auf den Heimweg. Zu Hause angekommen, zog er sich in die Bibliothek zurück, die er seit dem Tode seiner Frau nicht mehr betreten hatte. Obgleich es Sommer war, zündete er den Kamin an. Im Schein des Kaminfeuers und der heimeligen Atmosphäre hoffte er, das traumhafte Erlebnis mit Elli festhalten zu können. Die von ihr im Traum zitierten Zeilen aus „Letzte Heimkehr“ wollten ihn nicht mehr loslassen. Er erinnerte sich an Ellis heftige Reaktion auf seine damals nüchterne Betrachtung gerade dieses acht Verse umfassenden Gedichts, das für Elli unter allen Eichendorff-Werken von ganz besonderer Bedeutung gewesen war.

 

Wochen waren seit dem Traum vergangen, In der Hoffnung, Elli auf „ihrer gemeinsamen “ Bank erneut zu begegnen, ging Prof. Klauer jeden Tag zum Philosophenweg. Selbst, als er wegen seines fortgeschrittenen Alters den Weg zu Fuß nicht mehr bewältigen konnte, nutzte er die Dienste eines Taxifahrers, der sich täglich zu fest vereinbarten Zeiten bereit hielt. Dieser freundliche, dem Professor sehr zugetane Mann mit üppigem Haarschopf, witzigem Schnauzbart und südländischem Aussehen, der stets einen grün-lilafarbenen Schal lässig um die Schultern trug, fuhr ihn bis zur Schranke am Ende des steilen Weges. Von da aus war es nur noch eine kurze Strecke bis zu dem kleinen Park und der Bank.

 

An einem späten Herbsttag, die Bäume hatten längst begonnen ihre farbenprächtigen Blätter abzuwerfen, machte sich Ludwig noch einmal auf den beschwerlichen Weg zu der Bank. „Ich bin müde geworden“, verabschiedete sich Prof. Klauer an jenem Tag von der Zugehfrau.

 

Spaziergänger, die unterwegs waren, die letzten Sonnenstrahlen des Jahres einzufangen, fanden ihn später auf der Bank sitzend, den Gedichtband von Eichendorff fest umschlungen. Er war am Ende seiner Reise angekommen. Aber sein verzücktes, von Glück erstrahlendes Gesicht und das zarte Lächeln auf seinen Lippen ließen vermuten, dass er von Elli in ein neues, gemeinsames Leben abgeholt worden war.

 

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