Das Kreuz mit dem Kreuz

Marion Gottlob

Ich bin ein einfaches Kreuz, ein wenig größer als eine Männerhand.
Den Namen des Baumes, aus dessen Holz mein Kreuz gefertigt ist, kenne ich nicht. Irgendwann wurde der Baum gefällt. Ich gehörte zum Abfall, aus dem schmale Kanthölzer gesägt wurden.
Als Kantholz kam ich an einen komischen Ort – Schloss um Schloss wurde geöffnet und geschlossen. Ein Mann nahm mich in die Hände, sägte mich zurecht, schlug ein paar Nägel ein und befestigte den Körper eines Gekreuzigten auf mir – und ich wurde ein Kreuz.
Der Mann strich über den Körper des Gekreuzigten – und schwieg.
Irgendwann sagte er: „Herr, vergib meine Schuld.“
Das war alles. Ich lag in einer Kiste, es war langweilig.

Dann wurde meine Kiste in einen hohen Raum getragen. Der Mann war dort – in diesem kargen Raum – eine Frau war dort.
Sie sprachen wenig.
Irgendwann reichten Männer Kreuze an die Frau.
Zuvor wurde ich abgetastet.
Ich bin ein wenig kitzlig: „Hihihi.“

Die Frau sagte zu dem Mann: „Danke – Gottes Segen für Sie.“
Der Mann sagte – nichts.
Herr Jesus Christus, was für ein Jammerlappen.

Die Frau war ein wenig älter und hatte gütige Augen. Sie tat mich und ein paar weitere Kreuze in ihre riesige Tasche. Wir kamen ohne Schaden ans Ziel.
Mann, oh Mann. Was für eine andere Welt. Ich schaukelte vorsichtig hin und her: Spitzen, Plüsch, Rüschen und wieder Spitzen. Dazu Gerüche nach Kaffee, süßem Kuchen und saftigem Braten – über allem schwebte der Duft eines Frauen-Parfüms.
Nach ein paar Tagen nahm die Frau ein Kreuz nach dem anderen in ihre Hände. Auch mich hielt sie in Händen:
„Gelobt sei Gott der Herr.“
Hm, den lieben Gott hatte ich über dem Ortswechsel fast vergessen. Ich wollte einfach nur hier bleiben – irgendwo inmitten von all den Deko-Sachen mit Tischchen, Deckchen und Firlefanz. Das wünschte ich mir.
Aus diesen Wünschen wurde nichts. Die Frau mit den sanften Händen packte mich in ihre riesige Tasche – und los ging es.
Ich wurde hin- und her geschüttelt, doch meine Nägel hielten stand. Aber nicht die Parfüm-Flasche. Ich schrammte den Deckel, der sich löste – die Flasche lief aus. Ich schwelgte in diesem wunderbaren Duft. Oh, wäre diese Reise nie zu Ende gegangen.

Doch in dem Büro eines Bürgermeisters wurde ich ausgepackt – duftend nach Parfüm. Hm.
Die Frau sprach und sprach, der Mann sprach und sprach.
Irgendwann sagte sie: „Ich habe ein Geschenk.“
Sie zog mich aus der Tasche.
Der Mann wich zurück: „Es ist von …?“
„Ja, er hat es gefertigt.“
„Packen Sie es bitte sofort wieder ein. Ich gebe eine Spende für Ihre Arbeit, aber das Kreuz nehme ich nicht an. Ich verbitte mir, dass Sie es überhaupt mitgebracht haben.“
Die Frau fasste mich so fest, dass meine Nägel knirschten. Der Jesus-Körper wurde heiß in ihrem Griff: „Sie sind ein Gottesmensch.“
„Ich kann es nicht. Gehen Sie – und mit Ihnen das Kreuz.“

So machten die Frau mit ihrer Tasche und ich die Runde – Woche für Woche. Sie wurde mich nicht los!
Nach jedem vergeblichen Geschenk-Besuch nahm sie mich in ihre Hände: „Gelobt sei Gott – Gott möge uns allen verzeihen – Schuld und Hochmut.“

So blieb ich zehn mal zehn Wochen bei ihr. Bis zu dem Tag, als das Geschenk angenommen wurde.
Eine neue Frau hielt mich in Händen. Sie strich mit Mitgefühl über mich – das hatte so noch niemand getan.
„Gott kann verzeihen, was niemand verzeihen kann.“
Ich konnte spüren, wie in ihrem Inneren ein „Vaterunser“ aufstieg. Merkwürdig, sehr merkwürdig.

Am Abend hüllte mich die neue Frau in eine Plastikhülle – als wäre ich das Kreuz eines Aussätzigen.
Ich hörte, wie sie ihrem Mann im Nebenzimmer erklärte:
„Ich habe heute ein merkwürdiges Geschenk erhalten.“
Sie schloss die Tür – so konnte ich nichts mehr verstehen.
Später öffnete sie die Tür erneut:
„Danke, dass ich das Kreuz behalten kann. Ich hätte es weggetan, wenn du nicht einverstanden gewesen wärest. Jetzt mache ich uns einen Tee.“

Behalten?
Sie steckte mich in eine Kiste zu anderen Geschenken. Dennoch – es war ein heiteres Leben. Diese Frau telefonierte und telefonierte. Sie lachte oft und sehr gerne.
Ein paar Jahre später? Ein Schrei der Frau hallte durch die Räume – bis zu meiner Kiste – Minute um Minute, bis ihr Schrei endlich verstummte. Ihre eigentümliche Stimme hatte sich verwandelt, sie verlor ihr besonderes Lachen – und die Stimme und das Lachen des Mannes fehlten ganz.

Was soll ich sagen?
Ich machte mit dieser Frau zwei Umzüge mit. Nach dem ersten Umzug landete ich im Keller. Nach zehn Monaten wechselte dieser Unruhegeist von Frau ein zweites Mal die Wohnung und steckte mich in die unterste Schublade einer Kommode mit grünem Kunstleder.
Was für eine Frau!
Sie wohnte allein, sie blieb allein.
Als sie das erste Mal wieder lachte, da war es, als wurde eine rostige Maschine in Gang gesetzt. Ich habe nichts gegen rostige Maschinen, ich erwähne es nur.
Dann übte sie das Lachen.
Sie räumte die Wohnung um. Teppiche, Kommoden, Regale und Bilder verschwanden. Heimlich hatte ich die Hoffnung, sie würde nun Platz schaffen und mich wie ein Bild aufhängen – über einer Tür oder einem Fenster.
Irgendwann öffnete die Frau die Schubladen meiner Kommode. Die Frau fand: drei Parfüm-Flaschen, die sie vergessen hatte. Sie war glücklich, das konnte ich an ihrem Lachen hören.

Dann nahm sie mich aus meiner Schublade und tat mich in den Abfalleimer – und zog mich heraus, bevor ich mich noch von meinem Schrecken erholt hatte.
Ein paar Tage später legte sie mich auf den Schreibtisch und schrieb auf ihrem Laptop an einen Pfarrer:
„Vor Jahren habe ich ein Kreuz geschenkt bekommen. Fast hätte ich es nicht angenommen. Aber wenn ich es mit meinen Händen berührte, dann spürte ich die unendliche Liebe Gottes, die vergeben kann, was Menschen nicht vergeben können. Ich dachte, ich hätte die Kraft, dieses Kreuz bei mir zu haben. Aber – das war Überheblichkeit – ich hatte diese Kraft nur, solange ich geliebt habe – solange mein Mann bei mir war. Nun ist er nicht mehr da.
Doch ohne meinen Mann kann ich dieses Kreuz nicht halten und behalten.
Ich habe gebetet – für die Opfer, für den Täter.
Ein Mörder hat ein Kind missbraucht und dann ermordet. Er wird nie mehr freikommen – er möchte es auch gar nicht.
Es bleiben ihm nur das Gebet und die Kreuze, die er fertigt – in der Hoffnung, dass Menschen seine Geschenke annehmen.
Ich habe dieses Kreuz vor Jahren angenommen. Nun möchte ich das Kreuz wegtun – wie mache ich das? Restmüll? Biomüll? Ein Fluss?“

Ich erstarrte neben dem Computer:
Ein Fluss? Vergebung? Gebet? Für Opfer? Für Täter? Für Mörder?
War diese Frau noch bei Trost?

Ich hatte nach diesen Worten das Gefühl, als würde die Jesus-Figur Tränen weinen – für mich und für die Welt.
Wenige Tage später kam die Antwort des Pfarrers:

„Ich glaube, dass das Kreuz viel tragen kann. Es hat schon im Zuchthaus viel aufgeladen bekommen, bei Ihnen jetzt noch einmal.
Wenn Sie es nun weitergeben, ist das okay. Vielleicht lassen Sie es los und legen es an einen guten Ort?“
Die Frau nickte – ein guter Ort, ja, das war die Lösung.

Ein guter Ort? Wie bitte?
Sie hat mich in einen Bach geworfen!
Wasser dringt in mein Holz. Ich höre in mir das Echo der Worte, die einst ein Mörder gesagt hat: „Herr, vergib meine Schuld.“
Ich weiß – für diese Art von Vergebung braucht es kein Kreuz – es braucht nur Gott – ich gebe auf – mit einem Gebet – Gebet – Gebet …
Da spüre ich die Hände der Frau. Sie hat mich aus dem Bach gefischt und murmelt vor sich hin:
„Gott und das Kreuz können viel tragen – diesen Worten beuge ich mich – ich werde mein Bestes tun.“ Ihr Bestes? In Gottes Namen – damit bin ich einverstanden, damit kann ich leben.