Das wiedergefundene Paradies

Alexandra Stojanovic

Das alte Haus stand immer noch auf der allzu bekannten Straße des Dorfes, wie es zu Lebzeiten der Großeltern gewesen war. Das eiserne Tor, bei dem die Farbe an manchen Stellen abgeblättert war, quietschte leise, als sie es öffnete und in den Innenhof eintrat. Sie war gerade dabei, die Treppen zum Haupteingang hochzusteigen, als sie ein leichtes Rauschen hinter sich hörte. Verdutzt drehte sie sich um, doch weit und breit war niemand zu sehen.

Da bemerkte sie den alten Ziehbrunnen, aus dem man jahrhundertelang das reinste Quellwasser hatte schöpfen können. Sie näherte sich ihm mit behutsamen Schritten. Als sie vor ihm stand, entfernte sie vorsichtig den eisernen Deckel und sah hinein. Das Spiegelbild eines kleinen, lächelnden Mädchens blickte zu ihr hinauf. Zwei reizende Bernsteinaugen, die sich hinter dunkelblonden Locken zu verbergen schienen, trafen ihren Blick. Sie erzählten von einer Zeit voller Lebensfreude und ungetrübter Glückseligkeit, von unbeschwerten Sommertagen am Ufer der Großen Kokel und von kleinen, nackten Füßen auf feinstem Kiessand. Von der kleinen Diebin, die saure Früchte genoss, ehe sie reiften. Vom kleinen Garten im Innenhof, in dem ein stolzer Apfelbaum sich seiner Statur rühmte.

Dem geheimnisvollen Mädchen kam der prächtige Apfelbaum unendlich hoch vor und es schien ihr, als könne sie seine Spitze nie erblicken. Trotzdem war er ihr treuer Freund, dem das Mädchen das eine oder andere Geheimnis anvertraut hatte, während er ihr wohlwollend ein paar seiner reifen Äpfel spendierte.

Welcher längst verlorenen Welt mag dieses faszinierende Wesen angehört haben? Für einen Augenblick schien es ihr sogar, als hätte ihr die Kleine zugezwinkert – aber dann war der Bann gebrochen und das Spiegelbild verschwand so, wie es erschienen war. „Geh nicht …!“, rief sie auf, während ihre Hände den eiskalten Rand des steinernen Ziehbrunnens festhielten. Das kleine Mädchen kam ihr so bekannt vor. Ein schüchternes Lächeln wollte sie von ihren schweren Gedanken fernhalten. Ratlos schaute sie sich um und suchte nach einer anderen Quelle des ewigen Glücks. Mmm … Was das wohl ist?

Ein verführerischer Duft lud zur weiteren Erkundung des einstmals vertrauten Innenhofes. Und doch gab es nichts anderes darin zu sehen als das alte Haus, den Brunnen und eine schmale Öffnung mitten in der umgebenden Mauer. Wie magisch angezogen, eilte sie in Richtung der mit Efeu bewachsenen Mauer, bis ans andere Ende des Hofes. Tatsächlich, es war ein schmales Tor, durch das der geheimnisvolle Duft stärker wahrnehmbar wurde. Tief einatmend, mit halbgeschlossenen Augen betrat sie den vergessenen Obstgarten aus ihrer Kindheit.

Im Garten war es so hell, dass ihre Augen etwas Zeit benötigten, um sich wieder an das Licht zu gewöhnen. Der Anblick war traumhaft, die Luft von den pastellfarbenen Obstblüten herrlich betäubt und nur ein paar Schritte von ihr entfernt stand ein gewaltiger Apfelbaum. Der vertraute Geruch von Sommeräpfeln schien sie von allen Seiten zu umschließen. Sie bückte sich und hob einen gelblich-grünen Apfel vom Boden auf. Sanft wendete sie ihn hin und her. War er etwa … angebissen? Sie atmete tief ein. Sein Duft durchströmte ihren ganzen Körper. Es kam ihr vor, als würde es nichts Schöneres auf der Welt geben, als diesen einsamen Garten mit seinen ewig blühenden Obstbäumen. Schwerelos und unbekümmert schloss sie erneut ihre Augen …

… und öffnete sie langsam wieder. Allmählich begann sie die vertrauten Konturen ihres Zimmers wahrzunehmen. Kein Duft von reifem Obst, sondern der von frischer Bettwäsche umhüllte sie. Vorsichtig schob sie ihre Decke zur Seite und verließ das Bett. Für einen kurzen Moment wurde es ihr schwindlig. Ihr zitternder Blick durchquerte das Zimmer auf der Suche nach etwas Ungewöhnlichem, nach einem Vorwand, um dort nicht länger verweilen zu müssen. Ihre Augen erfassten den neulich erworbenen Standspiegel. Darin begegnete sie ihrem eigenen Spiegelbild. „So ist das also …“, flüsterte sie. Ihr Herz pochte laut in ihrer Brust. Ohne zu zögern schloss sie ihre schilfgrünen, leuchtenden Augen und warf sich erneut in einen wohltuenden Schlaf, zurück ins Paradies.

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