Der Weg nach Ihlara

Heide-Marie Lauterer

Auf der Fahrt nach Ihlara, hatte Fatma das Steuer des alten Dogan übernommen. Ich saß neben ihr, auf der Rückbank, Onkel Yasim eingeklemmt zwischen Tante Selime und Tante Hatice, die prallgefüllte Plastiktüten auf ihrem Schoß hielten. Wir waren kaum losgefahren, da wurden auch schon Orangen- und Apfelschnitze nach vorne durchgereicht; es folgten giftgrüne Pflaumen und steinharte grüngelbliche Früchte, die Fatma Aprikosen nannte und bei deren bloßem Anblick sich mein Magen zusammenkrampfte. „Nein danke“, sagte ich auf Deutsch, was ungläubiges Staunen bei meinen Gastgebern hervorrief. Fatma, eine Hand am Steuer, biss krachend in eine Pflaume und erging sich in Lobeshymnen: Genau jetzt, im Frühjahr, müsse man diese Früchte essen, ein paar Wochen später schmeckten sie süß und pappig und taugten höchstens zu Kompott oder dicker Marmelade. Fünf Minuten später hörte ich hinter mir ein merkwürdiges Geräusch – Knack-Knack-Knack – kurze Pause, dann wieder dieses Knacken, als ob eine Eichhörnchenfamilie die Rückbank erobert hätte. Ich schaute mich vorsichtig um und sah Onkel und Tanten in eine Tätigkeit vertieft, die ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Sie griffen in eine Tüte mit gesalzenen Sonnenblumenkernen, die Yasim in der Hand hielt, knackten die Schalen mit den Schneidezähnen, pulten die Kerne mit der Zunge heraus und spuckten sie in ein Papiertaschentuch; wieder musste ich das freundliche Angebot, mich zu bedienen, ablehnen, denn mir war klar, dass man diese Technik von Kindesbeinen an gelernt haben musste, um Genuss und Freude dabei zu finden.

Die berühmte Schlucht Ihlara lag nur 50 km von Kayseri entfernt. Wir hätten die Reise auch gut ohne die Leckereien in den Plastiktüten überstanden und doch waren sie nicht unser einziger Reiseproviant. Selime hatte gestern spätabends noch Zucchini mit Hackfleisch gefüllt und in dem großen Topf gegart, den Yasim im Dogan verstaute, zusammen mit Körben voller Gurken, Tomaten, Joghurt, Käse und Oliven, die Sjema, seine Tochter, für uns gerichtet hatte. Sie hatte auch mehrere Fladenbrote, Ekmek – das bei keiner Mahlzeit fehlen durfte – für uns gekauft und eine große Wassermelone. Der Fünfliter-Wassertank aus Plastik fehlte ebenso wenig wie Gläser, Teller, Gabeln, kleine Löffel und Messer sowie zwei Thermoskannen mit Caj, heißem Wasser und fünf Teegläsern. In die Zwischenräume hatten sie Teppiche, Kissen, Tischdecken gestopft und natürlich auch die Gebetsteppiche. Der Kofferraumdeckel war nicht mehr zugegangen, aber Yasim hatte ihn einfach mit einer Schnur zugebunden.

Obwohl wir schon früh hatten aufbrechen wollen, um der Mittagshitze zu entgehen, hatten wir erst spät auf der Terrasse gefrühstückt, und dann waren Selime und Fatma zu meiner Verwunderung sehr lange auf dem Diwan sitzen geblieben. Offenbar musste sich Selime etwas vom Herzen reden, verständlich, denn sie sah ihre Nichte, die in Deutschland lebte, ja nicht oft. Aber hätte dieses Gespräch nicht bis morgen oder bis heute Abend Zeit gehabt? Selime saß da, ein Bein untergeschlagen, das andere ausgestreckt, das Kopftuch nur locker übergelegt. Ich verstand kein Türkisch, aber ich spürte ihre Empörung, ihre Wut und ihre Ratlosigkeit. Sie musste sich Luft verschaffen und zwar jetzt. Wir blieben sitzen, als ob es nie einen gemeinsamen Beschluss gegeben hätte, früh aufzubrechen, oder hatte ich gestern Abend nur etwas falsch verstanden? Wir blieben sitzen, bis sich Selime streckte, zum Himmel schaute und sagte, als ob sie sich plötzlich an etwas erinnerte: „Wir wollen einen Ausflug machen!“

Endlich! Es gab keinen Zweifel mehr, es ging los! Aufatmend zog ich meine Schuhe an – doch es war nicht das letzte Mal, dass ich mir schwor, mir bei der nächsten Gelegenheit ein paar Sandalen mit Klettverschluss zu kaufen. Denn kaum hatte ich meine Turnschuhe mühsam aufgeschnürt – ich hatte mir inzwischen die türkische Sitte angewöhnt, die Schuhe ungeöffnet abzustreifen – und schon wieder zugebunden, kickte Selime ihre Slipper, die sie vor ein paar Minuten erst angezogen hatte, wieder von sich und ging wortlos ins Haus zurück. Yasim sah meinen erstaunten Blick, drehte seine geöffneten Hände zum Himmel und sagte: „Beten.“

„Es dauert nicht lange.“ Fatma drehte sich in Ruhe eine Zigarette, steckte sie an und inhalierte genüsslich. Beten musste sein. Ich zog jetzt auch noch einmal meine Turnschuhe aus und suchte schnell das WC im Haus auf. Als ich zurückkam, war Yasim, der keine Minute ungenutzt verstreichen ließ, verschwunden und ohne Yasim konnten wir natürlich nicht aufbrechen. Hatice war die einzige, die ohne irgendwelche Anzeichen von Ungeduld abreisebereit auf dem Diwan saß. Sie schien vollkommen entspannt und machte den Eindruck von glückseliger Versunkenheit. Möglicherweise dachte sie an ihre Reise nach Mekka im vergangenen Jahr, die sie immer noch ganz erfüllte. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit erzählte sie von diesem Erlebnis, der Reise ihres Lebens, wie sie immer wieder betonte. Wenn es Allah gefiele, würde sie noch einmal nach Mekka reisen, wenn nötig schon im nächsten Jahr. Als Selime endlich erschien, drückte Fatma ihre Zigarette aus und warf ihrer Tante einen kritischen Blick zu: „Hatice, zieh deinen Mantel aus, du wirst vergehen!“ Sie deutete auf den dicken schwarzen Wollmantel, den Hatice über ihrer braunen Strickjacke trug und der sie vom schwarz verhüllten Kopf bis zu den Knöcheln einhüllte. Bei alten Frauen war diese Art sich zu kleiden noch üblich, dachte ich und war völlig perplex, als mir Fatma anvertraute, Hatice sei zwar alt, aber keineswegs so alt wie ich vielleicht dachte. Sie sei 59, also genau zwei Jahre älter als ich. Hatice antwortete etwas auf Türkisch, das fest entschlossen klang und bat Fatma zu übersetzen. Fatma, die nie ein Kopftuch trug und heute Morgen in Erwartung der Sommerhitze ein Top mit Spaghettiträgern angezogen hatte, erklärte mir mit einem feinen Lächeln: „Es ist immer noch Frühling, da kann man den Mantel noch brauchen.“ Jetzt standen alle abreisebereit auf der Terrasse. „Wo bleibt Yasim?“, fragte Fatma. Yasim? Im Haus gab es immer etwas zu tun und statt die Frauen zur Eile zu drängen und dann doch untätig herumzusitzen, ging er seiner eigenen Wege. Also setzten wir uns wieder hin und Fatma rollte sich noch eine Zigarette auf Vorrat. Ich zog mein Notizbuch aus meinem Rucksack und begann zu schreiben, schrieb alles auf, was um mich herum geschah, die Bewegung meiner Hand, die das Papier mit Buchstaben füllte, beruhigte meine angespannten Nerven und vertrieb meine Ungeduld. „Entschuldigt“, sagte Yasim auf Deutsch, als er nach zehn Minuten wieder zu uns kam. „Der Wasserhahn im Keller, er hat getropft.“

Als der Dogan endlich in der Mittagshitze über den Feldweg zur Landstraße hinunter holperte, vorbei an den quietschvergnügten Jungen, die nackend ins Wasserreservoir sprangen und sich verschämt grinsend hintereinander versteckten, als sie meine Kamera bemerkten, mussten wir uns trotz der heruntergelassenen Scheiben Luft zufächeln. Die Sonne stand hoch am Himmel und nirgends ein schattenspendender Baum. Natürlich besaß der Dogan keine Klimaanlage. „Wenn Du das nächste Mal kommst“, sagte Yasim zu mir auf Deutsch und deutete auf die Bäumchen, die er im vergangenen Jahr gepflanzt hatte. Als junger Mann hatte er drei Jahre mit seinem Vater in Deutschland gelebt und ein paar Brocken Deutsch behalten. „Wenn Du kommst, nächstes Mal …!“

„Evet“, sagte ich und „tschok güsell“ – „ja“ und „wunderschön“ – das passte immer irgendwie. Die Bäumchen würden wachsen und Schatten spenden und ich würde wiederkommen, es war wie ein Versprechen. Und dann – fast hätte ich es vergessen – brauchte der Dogan noch Autogas, doch die nächste Tankstelle lag nicht auf unserem Weg, sondern in der Gegenrichtung. Was ja weiter kein Problem war, wir mussten nur auf der vierspurigen, vielbefahrenen Hauptstraße in einem halsbrecherischen Manöver wenden. „Nur die Ruhe, Yasim“, sagte Fatma, „lass’ mich nur machen, du kennst doch den Weg nach Ihlara?“

„Ich war vor Jahren einmal dort – wenn sich inzwischen nichts verändert hat …!“ Er sprach nicht weiter. Der Weg ist das Ziel, dachte ich und atmete tief durch. „Hast du eine Straßenkarte eingesteckt, Selime?“, sagte Yasim auf Türkisch, und Fatma antwortete auf Deutsch:

„Eine Straßenkarte? Wozu denn, wir haben doch unsere Tante. Sie ist hier in der Gegend großgeworden!“

Aber Tante Hatice war inzwischen auf der Rückbank eingenickt und hatte von der ganzen Aufregung nichts mitbekommen. „Hab ich’s nicht gesagt? Kein Wunder bei der Hitze! Lass sie nur schlafen“, sagte Fatma, „sie hat es nicht leicht in ihrem schwarzen Mantel.“

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