Deutsch-polnischer Austausch

Renate Herrling

„Das ist gar nichts Besonderes für mich“, sagt sie und umfasst mit großer Geste den Hauptbahnhof. Sie komme nämlich aus einer Vielflieger-Familie, Miles-and-more und so, und sei ständig unterwegs. Roxana, eine hoch gewachsene Vierzehnjährige, dunkel und schön, ist noch nicht lange bei uns an der Schule. Sie hat Eltern mit Migrationshintergrund und ist in Potsdam geboren. Berufsbedingter Lebensphasenmittelpunkt der Familie im Jahr 2019: eine Chemiestadt am Rhein.

Ein nervöses Grüppchen pubertierender Mädchen und Jungs mit zwei ebenfalls nervösen Begleitpersonen steigt am Fernbahnhof aus dem ICE und begibt sich mit Rollkoffern und Rucksäcken in Richtung Flughafen, Terminal 1.

„Was, eineinhalb Flugstunden nur“, sagt Roxana, „Krakau ist ja fast um die Ecke, da müssten Sie mal von Abu Dhabi nach New York fliegen!“

Ich, die weibliche Begleitperson, wende mich Alexa zu, die mit leiser Beschämung zugibt, sie fliege zum ersten Mal und sei ein wenig aufgeregt.

„Bist du etwa nervös?“, fragt Roxana, „Echt jetzt! Dieser kurze Flug, das merkst du gar nicht. Ich bin mal 13 Stunden nonstop geflogen, total langweilig war das.“

Alexa bemüht sich um ein zustimmendes Lächeln und ich ahne schon, dass mir dieses lautstarke Mädchen ein wenig zu schaffen machen wird.

Tatsächlich ist der Flug ziemlich kurz, kaum haben wir die Plätze gefunden, untereinander getauscht und den Snack verzehrt, schon setzt das Flugzeug zur Landung an.

Unsere Vielfliegerin hat einen Tomatensaft verlangt, im Flugzeug müsse man immer einen Tomatensaft trinken, sagt sie, unbedingt!

In Krakau werden wir abgeholt, in einen Kleinbus verfrachtet und in die Innenstadt zu unserer Partnerschule gefahren.

„Hier war ich schon mal“, sagt Roxana, „glaub ich jedenfalls, oder vielleicht sieht es auch aus wie sonst irgendwo. Bisschen kaputt, findet ihr nicht?“

Carolina, die tatsächlich schon hier war, weil sie polnische Wurzeln und in Krakau eine Cousine hat, presst die Lippen zusammen und sagt nichts.

Die polnischen Kolleginnen sind bemüht und sprechen gut Deutsch. Reibungslos verteilen sie die Jugendlichen in ihre Gastfamilien und geleiten uns Begleitpersonen in eine Airbnb-Wohnung, zwei Zimmer, Küche, Bad in einem Hinterhaus. Sie liegt zentral an der Studencka, einer Straße, die ich aus Elena Bators Roman Wolkenfern, den ich zur Einstimmung auf die Krakau-Reise gelesen habe, bereits kenne, denn hier wohnten die gutbürgerlichen jüdischen Romanfiguren. Das Haus präsentiert sich im vorsichtigen Jugendstil, pastellgrau gestrichen und ohne Engelshäupter an der Fassade. Schön, sagt mein architektonisch anspruchsvoller Begleitkollege.

Unsere Partnerschule ist ein kleines katholisches Privatgymnasium.

Wir mögen bitte unbedingt dafür sorgen, dass unsere Schüler sich nicht blamieren in dieser Umgebung, hat unser Schulleiter gesagt und ein wenig leidend die Gesichtsmuskeln verzogen. Wir wissen Bescheid. Unsere Schule ist eine riesige Gesamtschule und die gefühlten Dauerthemen, beispielsweise die offensichtliche negative Veränderung der Schülerklientel, die soziale und kulturelle Durchmischung der Bevölkerung im Einzugsbereich sowie die zunehmende Erziehungsunfähigkeit der Eltern begleiten uns nach Polen.

Ich schlafe scheinbar gut, allerdings wache ich am nächsten Morgen auf mit juckenden Quaddeln an der Brust und am Ellbogen. Sowas hatte ich schon mal in einem billigen Hotel am Montmartre. „Bettwanzen“, hatte damals der heimische Dermatologe festgestellt und ein bisschen gegrinst. „Kann überall passieren.“ Jetzt passiert es offensichtlich hier und ich alarmiere meinen Kollegen im Nebenzimmer. Er rückt mit mir Bett und Nachttisch, ohne Erfolg. Wir wissen ja nicht, wonach wir suchen, wie sehen Bettwanzen denn aus? Die eher schwächliche W-Lan erlaubt kein schnelles Googeln und wir geben auf. Ich beschließe erst einmal die nächtlichen Ereignisse zu verschweigen und kratze heimlich, während mein kommunikativer Mitbewohner per Social Media Bericht erstattet. Die Kollegin mit den polnischen Wurzeln, die den Austausch seit vielen Jahren organisiert und sich für alles verantwortlich fühlt, möchte auf keinen Fall, dass die deutsch-polnischen Kontakte durch solche Dinge belastet werden, ausgerechnet in Krakau, schreibt sie und erklärt uns, dass so etwas überall passieren kann.

Mein aussichtsloser Kampf mit dem unsichtbaren Ungeziefer wird zum grenzüberschreitenden Thema und die polnischen Kolleginnen sind peinlich berührt. Ich schäme mich für die Unruhe und erläutere, dass ich zu allergischen Reaktionen neige, was die furchterregenden Quaddeln erklärt.

Wenn wir wenigstens nicht in Polen wären, denke ich, dann müsste man nicht so viel erklären.

Trotz der juckenden Unbill kann ich erste Eindrücke von Krakau genießen, Roxana ist müde und still, die Führung deutschsprachig und informativ, außerdem scheint die Sonne.

So runden sich Tage und jede Nacht kommen neue Bissspuren hinzu.

In der deutsch-polnischen Mädchengruppe gibt es böses Geflüster wegen einer unserer Schülerinnen, die anscheinend mehrmals dieselben Klamotten trägt.

„Das geht doch nicht“, sagt Roxana, „die blamiert uns ja alle!“

Wir schlichten und moderieren, damit sich der Ton mäßigt, dabei absolvieren wir das durchgeplante Besuchsprogramm: der Wawel mit seinen Schätzen und einer Drachenlegende, das jüdische Viertel Kasimierz, das wir als Drehort von Schindlers Liste kennen, Schindlers Fabrik im Original, ein Salzbergwerk und last but not least: Auschwitz.

Dort findet ein Workshop statt zur Geschichte der Sinti und Roma. Deutsche wie polnische Jugendliche sind mäßig interessiert, alles liegt in weiter Ferne, so wie Abu Dhabi. Aber als ich in der kleinen Sonderausstellung Fotos von einer pfälzischen Roma-Familie finde und eine Deportationsliste, auf der bekannte Straßennamen unserer Heimatstadt stehen, hören manche auf zu plappern und schauen sich die Bilder lange an. Zwei dunkle Mädchen im selben Alter schauen zurück.

„Ich kann gar nicht verstehen, warum die sich nicht gewehrt haben“, sagt Roxana, „ich wär da einfach nicht mitgegangen. Mein Papa hätte mich bestimmt beschützt.“

Die anderen widersprechen und schauen Roxana, die seltsam leise geworden ist, prüfend an.

Ist sie also doch nicht so selbstgewiss, denke ich und wage es, mich ein bisschen darüber zu freuen.

Die Wanzenbisse beginnen sich zu entzünden und ich suche Hilfe in einer Apotheke.

“Don’t worry”, sagt die Apothekerin. “Looks terrible, but nothing serious. Just little bitches.“

„Bitches?“, denke ich. Ist das das richtige Wort?

Eine Zehntelsekunde lang blitzt ein Bild auf, dann schmiere ich die Salbe auf die schmerzenden Quaddeln und beschließe, Trostschuhe zu kaufen – ein polnisches Label, sehr feines Flechtleder und teurer, als ich erwartet hätte, hier in Polen.