Die letzte Kreuzfahrt

Wilfried Rumpf

Wie wohlig war es, sich vom sanften Schaukeln des Schiffes in den Schlaf und im Schlaf wiegen zu lassen! Sie klammerten sich an einander und wollten sich am liebsten gar nicht mehr loslassen. Es war ihre dritte Kreuzfahrt und sie hatten eine Außenkabine mit Balkon gebucht. Die Balkontür stand offen und die Seeluft strich leicht über ihre Gesichter, und seine Hand massierte sacht ihren Rücken. Sie brummte behaglich.

Die frische Meeresluft und die erlebnisreichen Tage mit zum Teil abenteuerlichen Unternehmungen machten sie abends schnell müde, und sie strebten nach dem abwechslungsreichen Abendessen und einer unterhaltsamen Abendshow alsbald in Morpheus und ihre eigenen Arme.

Sie waren dankbar für ihre neue, innige Zweisamkeit, denn das Schicksal war rüde mit ihnen umgesprungen. Beide hatten vor einiger Zeit ihre Partner verloren. Krebs war der heimtückische Diener seines unerbittlichen schwarzen Herrn, und dieser hatte auch sie schon an der Hand, aber doch bald wieder losgelassen. In einem Trauerkreis hatten die beiden sich getroffen und kennengelernt und waren nach einigen Jahren in einen „Ring aus Feuer“ gefallen, der sie nicht mehr frei gab. Jetzt stand ihnen der Sinn danach, noch möglichst viel von ihrem blauen Planeten zu sehen.

„Ach, Wolfgang“, hauchte sie ihm ins Ohr, „Ich bin so froh, dass wir uns haben. Hat das Schicksal versucht, an uns etwas wiedergutzumachen? Ich hoffe, dass wir immer zusammenbleiben.“

„Natürlich, Gesine, das werden wir. Beide haben wir die Endlichkeit des Daseins erfahren, jetzt hoffen wir auf ein kleines Stück Unendlichkeit.“ Wolfgang deutete auf den Sternenhimmel: „Schau, da siehst du schon ein Stück von ihr!“

Still betrachteten sie Sternenhimmel und versanken in seinem Anblick, dann sanken sie sich in die Arme und in den Schlaf.

Da Klima und Wetter es erlaubten, beendeten sie alle ihre Reisetage mit der Betrachtung des Sternenhimmels. Sie suchten die bekanntesten Sternbilder und fanden Spaß daran, die weniger bekannten mithilfe ihrer Smartphones zu erkennen. Bei ihren eigenen mussten sie lachen: Gesine die Jungfrau und Wolfgang der Stier – sie meinten, es müsste umgekehrt sein. Sie forschten auch nach den Planeten und wollten insbesondere den Mars und die Venus aufspüren, aber das gelang ihnen nicht.

„Es langt, wenn du mein Stier bist!“, lachte Gesine ihren Wolfgang an.

„Dann bist du meine Europa!“, gab er verschmitzt zurück.

„Und wohin willst du mich tragen?“, wollte sie wissen. „Und jetzt sag nicht, ins Bett“, denn da sind wir schon!“. Sie lächelte ihn an und strich ihm liebevoll über die Wange.

„Nein, Liebste, du bist mein Stern, und ich möchte dich zu den anderen Sternen da draußen tragen!“

Sie klammerte sich an ihn: „Du weißt, ich könnte es nicht ertragen, ein zweites Mal die Erfahrung der Endlichkeit des Seins zu machen, das würde ich nicht überleben. Wir müssen immer zusammenbleiben, hörst Du!“

„Gesilein, mir geht es doch genauso! Wenn wir gehen, dann sollten wir gemeinsam gehen!“ Er blickte nach oben: „Hast du das gehört, Schicksal? Schicke nicht wieder Schlimmes!“ Er blickte sie an: „Ob das Schicksal Humor hat?“

Das schaukelnde Schiff schickte ihnen Schlaf.

Die Tage zogen sich hin, tags sahen sie viel von der Welt und nachts viel von der Weite des Alls. Sie hatten den Eindruck, dass die Zeit immer schneller verflog und dass der Anblick des Sternenhimmels sich allmählich veränderte.

„Du, Gesilein“, machte Wolfgang sie eines Nachts darauf aufmerksam, „Ich kann unsere vertrauten Sternbilder gar nicht mehr ausmachen. Das ist doch sehr seltsam, ich muss morgen mal mit einem Offizier sprechen, ich verstehe das nicht.“

Aus dem Halbschlaf heraus murmelte sie: „Kann es nicht sein, dass wir den Äquator überquert haben? Auf der Südhalbkugel gibt es doch andere Sternbilder.“

„Nein, nein, von denen würde ich auch ein paar wiedererkennen, wenigstens das Kreuz des Südens.“ Seine Stimme klang ein wenig ungeduldig. „Na ja, morgen werde ich dem mal nachgehen.“ Er hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn und folgte ihr in den Schlaf. Sternbilder und Sterne wirbelten wild durch seinen Traum.

Der folgende Tag sauste durch die Zeit und war wieder so voll von Eindrücken, dass er seinen Vorsatz vergaß.

Kaum blickte er nachts auf den Himmel, wurde ihm schwindlig und er wandte sich mit stolpernder Stimme an seine Frau: „Gesine, guck mal, was ist denn das? Die Sterne spielen verrückt, sie tanzen und toben über den Himmel.“

Gesine blickte von ihrem Buch auf und versuchte, Wolfgang zu beruhigen: „Liebster, das war doch gestern schon ähnlich. Vielleicht spielen ja deine Sinne verrückt, wir sollten morgen mal den Bordarzt aufsuchen und …“

„Nein, komm und sieh selbst, was geht da bloß vor?“ Mit fuchtelnden Händen wies er auf den Himmel.

Gesine trat neben ihn. „Mein Gott!“ entfuhr es ihr, und sie klammerte sich an Wolfgang. „Was geschieht denn da?“

Wolfgang stand stumm, sein Herz konnte kaum den Takt halten.

Die Sterne beschleunigten sich, rasten auseinander in immer weitere Fernen. Galaxien tauchten auf, rotierten immer rasender, zerstreuten sich, wurden immer kleiner.

Sie schwebten im Universum, ein Licht nach dem anderen verlosch, das ganze Universum war ein einziges Grau.

„Was bedeutet das?“, flüsterte sie.

„Das ist das Ende des Universums, die Entropie, die Sterne sind ausgebrannt, daher ist alles grau. Wir sind zusammen in der Ewigkeit. Das Schicksal war gnädig.“

Das Grau wurde immer schwächer, und sie lösten sich allmählich auf.

Aus der Ewigkeit wuchs ein feiner goldener Strahl auf sie zu.