Edith

Doris Schmidt-Bergholz

„Wie siehst du schon wieder aus“, schimpfte meine Mutter, ergriff meine Hand und zog mich an das Spülbecken in der Küche. Ein Spritzer Spüli traf meine Handfläche. Mutter putzte und als sich der Sand von der Haut löste, spülte sie mit Wasser nach. „Guck dich mal an! Deine Haare, dein Kleid! Furchtbar! So sieht kein liebes Mädchen aus! Ein liebes Mädchen ist adrett.“

Ich zog es vor, mich aus der Schusslinie meiner Mutter zu befreien und ins Wohnzimmer zu verziehen. Beguck-Zimmer, nannte ich es, denn da wohnten wir nicht. Ins Wohnzimmer wurden unsere Gäste und andere Besucher geführt. Mich störte das nicht weiter, denn hier konnte ich gemütlich, den Blicken meiner Mutter entzogen, mit den Füssen am Kachelofen sitzen und in meinem neuesten Buch schmökern. Niemand bemerkte mich. Uschi Sausewind, die Heldin meiner Geschichte, die hatte es gut. Sie stromerte schon morgens, noch im Nachthemd, durch den Garten.

Am nächsten Morgen legte Mutter letzte Hand an meinen Pony und entließ mich, adrett gekleidet, in die Schule. Unsere strenge Lehrerin Frau Weise, die nach unserem vierten Schuljahr in den Ruhestand gehen würde, saß an ihrem Pult und blickte in ein Schulheft. Wir schlichen uns hinein ins Klassenzimmer und setzten uns still auf unsere Plätze. Irgendwann stand Frau Weise auf und trat vor uns. Wir erhoben uns. „Guten Morgen, Frau Weise“, ertönte es aus zweiundvierzig Kehlen. „Setzen.“ Ein Rauschen, Stühle rücken, Stille. So begann ihr Unterricht.

„Und nun zu euren Hausaufgaben.“ Frau Weise setzte sich an ihr Pult. Jedes Kind nahm sein Heft und wir stellten uns rings um ihren Schreibtisch auf, bis wir dran waren, ihr unser Heft zu zeigen. Sie schaute sich die Hausaufgaben jedes Kindes an, strich hier und da mit rotem Füller etwas an, verteilte Lob und Tadel, dann durften wir uns wieder setzen. Aber, wir wussten, der Vormittag war noch nicht vorbei. Mit gesenkten Köpfen machten wir uns bereit für das, was kommen würde. „Edith“, ertönte Frau Weises Stimme, „dein Heft habe ich noch nicht gesehen. Wo ist es? Zeig mir deinen Ranzen!“ Frau Weise schritt durch die Bankreihe nach ganz hinten. Auch Edith hätte wissen müssen, was jetzt kam, denn es kam immer, jeden Morgen. Frau Weise ergriff Ediths Ranzen, öffnete ihn, fand Ediths leeres Heft und … „Nichts! Du bist schon wieder ohne Hausaufgaben!“ Sie eilte nach vorne zur Tafel, griff dahinter und holte den langen Rohrstock hervor. „Edith, nach vorne!“ Edith bewegte sich nach vorne. „Warum hat sie ihr Heft nicht zuhause gelassen? Warum läuft sie nicht weg?“, fragte ich mich. Da sausten schon die ersten Stockschläge auf Edith hinab. Die nächsten. Noch mehr und noch mehr. So ging es, bis Edith auf allen Vieren zu ihrem Stuhl zurück krabbelte.

„Ich halte das nicht mehr aus“, erzählte ich zuhause beim Mittagessen. – „Bring Edith mit zu uns. Macht zusammen Hausaufgaben“, schlugen meine Eltern vor. Schon am übernächsten Tag kam Edith mit zu uns. Das Essen schmeckte ihr ganz offensichtlich gut. Sie lud sich den Teller mit Fleisch, Kartoffeln und Soße voll und nahm zweimal vom Vanillepudding mit Johannisbeeren. Aber dann, welche Enttäuschung: Während ich an den Rechenaufgaben knobelte, saß Edith nur da und schaute in die Luft. Sie tat nichts! Träumte sie? Ich schrieb einen Text aus dem Buch ab. Edith saß da, schaute entrückt in die Luft und tat … nichts. Ich konnte das nicht verstehen. Sie musste sich doch langweilen??? Als meine Hausaufgaben fertig waren, hatte Edith immer noch keinen Strich geschrieben. Ich holte ihr Heft aus dem Ranzen. Du meine Güte, wie sah das aus: Rot! Überall rot! Ich legte das Buch vor sie hin, aus dem wir abschreiben sollten. Oh je, nur unbeholfen schrieb sie ein paar Buchstaben. Das Abschreiben gelang ihr nicht. Ich versuchte, Edith zu helfen, so gut ich konnte, und machte von da ab jeden Tag mit ihr Hausaufgaben. Es gab keine wirkliche Verbesserung. Nach einer Woche begleitete ich sie einmal zu sich nach Hause.

Unterwegs kamen wir an einem Rohbau vorbei. Davor stand ein LKW und ließ gerade von seiner Ladefläche goldgelben Sand auf den Gehweg rieseln. Ein Haufen bildete sich. Wir standen davor und schauten gebannt zu, wie der Haufen immer höher wurde und die kleinen Sandkörner in der Sonne glitzerten. Und dann – der LKW war weg – sprang Edith plötzlich jauchzend in den Haufen, griff tief in den Sand, warf ihn in die Luft und lief darunter her. Fasziniert schaute ich ihr zu … vergaß meine Mutter, mein Kleid und die Zeit und tat es ihr gleich. Zusammen buddelten wir und errichteten eine Burgenstadt. Was für ein berauschendes Gefühl von Freiheit. Als wir nach einer Weile aus unserem Spiel wieder auftauchten, war es spät. Eilig machten wir uns auf den Weg. Edith wohnte „auf der Glashütte“, in einer Gegend, in der die Menschen mit wenig Geld zum Leben auskommen mussten. Bei ihr zuhause erwartete sie niemand. Von ihren Eltern und sechs Brüdern, zwei von ihnen hatten schon allerlei angestellt und waren deshalb an unserer Schule berüchtigt, war keiner zu sehen. Und Ediths kleiner Tisch, an dem sie ihre Hausaufgaben machen sollte, stand nicht einmal in der Wohnung, sondern im Treppenhaus des Mehrfamilienhauses, das auch noch recht dunkel war. Nein, das wurde mir auf dem Nachhauseweg klar, ich konnte Edith, und damit auch mir, nicht helfen.

Das Donnerwetter meiner Mutter zuhause überstand ich einigermaßen, doch das allerschlimmste kam am nächsten Morgen in der Schule: „Edith, wo ist dein Heft?“

Ich schloss die Augen und hielt mir die Ohren zu. Gestern hatte ich Freiheit gekostet. Heute schienen mir Freiheit und Schläge untrennbar verbunden! Ediths Schläge mitanzusehen, das war schrecklich. So etwas selbst erleben, wollte ich auf gar keinen Fall. Ich entschied mich zum Adrett-Sein. Vorerst. Später, irgendwann, würde ich diese Freiheit wiederfinden, von der ich gestern gekostet hatte.

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