Fast alles besteht aus Quarks

Hans-Jürgen Pirner

Ich habe Physik studiert und mein Diplom in der Kernphysik gemacht. „Fast alles besteht aus Quarks“ will sagen, dass Quarks 99.9% des sichtbaren Universums ausmachen, aber dass die sichtbare Materie nur einen kleinen Bruchteil der Energie des Universums beschreibt. Neben den Quarks, die mir auf meinem Lebensweg begegnet sind, gibt es in meinem Leben noch andere Ereignisse. Eines will ich hier beschreiben.

„Lieben Sie Brahms?“, fragte ein Artikel im „Twen“, der über den Film zu Françoise Sagans neuestem Buch berichtete. Das Glanzjournal erzählte eine spannende Geschichte aus Paris. Thema war die Liebe eines jüngeren Mannes zu einer älteren Frau. In den Hauptrollen spielten Anthony Perkins und Ingrid Bergmann. Sie erinnern sich vielleicht. Das Poco Allegretto der dritten F-Dur-Symphonie von Brahms begleitete die aussichtslose Affäre.

Als ich mit 19 Jahren zu studieren anfing, hatte ich wenig Ahnung von der Liebe. Spätentwickler. Meine Vorstellungen kamen aus Büchern und Zeitschriften. Was wäre, wenn ich eine ältere Frau fände, in die ich mich verliebte? Ich stellte mir vor, von ihr verführt zu werden, sodass ich mich hingeben konnte, ohne selbst zu sündigen. Ich würde in einen allgemeinen Zustand von Glückseligkeit hineinfließen, wie der junge Mann in dem Film.

Zu Beginn meiner Diplomarbeit machte ich die Bekanntschaft von Brigitte. Sie war sieben Jahre älter als ich und konnte mich von den Quarks ablenken.

„Lieber J., ich habe deinen Brief mit den vielen Komplimenten bekommen – dass Mädchen dafür immer wieder ein offenes Ohr haben, weißt du. Danke. Diesmal nur ganz kurz. Ich komme erst am Sonntag zurück. Werde gegen acht, halb neun hier wegfahren. Da kannst du dann sicher ungefähr kombinieren, wann ich da bin. Rechne aber ein, dass ich mich üblicherweise immer einmal verfahre.“

Brigitte war eine begeisterte Autofahrerin und hatte sich einen neuen Honda S gekauft, der wie ein geschrumpfter Ferrari aussah. Dieses 3 Meter lange Coupé hatte eine Maschine, die grenzenlos hohe Drehzahlen erreichte und 160 fuhr.

Brigitte liebte es, fotografiert zu werden. Obwohl klein, machte sie auf Schuhen mit hohen Absätzen eine gute Figur. Zu ihren Freunden gehörte ein Fotograf, den ich nie kennenlernte, dessen Fotos sie mir aber zeigte. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass ich die Bilder meiner Freundin liebte. Sie war eine schöne Frau auf den Fotos. Sie ist meine Freundin, dachte ich. Brigitte gab sich leichtlebig, immer gut aufgelegt und kannte sich in München und Umgebung prima aus. Wenn wir am Samstag oder Sonntag an den Starnberger See fuhren, hatte sie ihren Stammplatz, von dem aus wir beide in das glitzernde Blau des Sees starrten und für den Abend Sonne tankten.

Sie war unkompliziert, besaß gesunden Menschenverstand. Wenn notwendig brachte sie ihre Wünsche deutlich vor. Doch sie übte keinen Druck auf mich aus. Ich fühlte mich frei, wenn ich mit ihr zusammen war. Manchmal hatte ich Schuldgefühle, da sie wegen mir ihren Verlobten aufgegeben hatte. Aber wir sprachen nur selten über ihre Vergangenheit.

Beim Hören von Brahms dritter F-Dur-Symphonie leuchteten ihre Augen auf, und wir wechselten das Thema. Meistens nahm ich einfach hin, dass sie mehr Lebenserfahrung hatte als ich. Ich hatte mich in sie verliebt. Nach einem Jahr drängte sie mich, dass wir uns länger binden sollten. Unsere freie Lebensgemeinschaft wäre nicht ohne Risiko für sie. Ich sollte sie heiraten.

„Ich gehe in die USA, kommst Du dann mit?“, sagte ich.

„Einfach so – frei und ungebunden?“, erwiderte sie.

„Du musst Dich entscheiden, so oder so! Dann sehen wir weiter“, fuhr ich fort.

Das könnte sie nicht in Anbetracht einer unsicheren Zukunft, meinte sie. Wenn ich daran denke, sehe ich auch wieder den Postboten vor mir, der mit dem gelben Motorrad den Eilbrief zustellte, in dem Brigitte Schluss machte. Für ein paar Tage gingen Briefe hin und her. Von anderen erfuhr ich, dass es ihr schlecht ginge.

Werbeanzeigen