Flucht aus Kabul

Anna Stark

„Was will der Mann von mir?

Papa, Papa! Wo ist er? Unser Haus in Flammen!“

Schweißgebadet wache ich, wie so oft, aus meinen Albträumen auf.

Auch tagsüber drängen sich mir die Bilder auf, seit 3 Jahren. Ich sehe keinen Film, nur Bilder oder Bruchstücke davon.

Meine Mutter hilft mir nicht, meine Erinnerungslücken zu schließen. Sie sagt nur: „Kind, du musst alles vergessen. Wichtig für dich ist Lernen, vor allem Lernen. Die Zukunft, das ist wichtig für dich. Ich möchte nicht darüber reden. Versuchen zu vergessen ist das Einzige, das mir hilft.“

Aber ich kann das nicht. Ich bin so oft traurig, weine und weiß nicht so recht warum.

Der Dezember 2015 schiebt sich vor mein inneres Auge. Es ist kalt, es hat geschneit. Papa ist seit ein paar Tagen im Krankenhaus. Sein beladenes Herz hat ihn zum Umfallen gebracht. Womit wurde es so schwer? Man hat es mir nicht gesagt. Mutter sagte nur: „Vater ist verletzt. Das ist aber nicht deine Sache.“ Seinen Schneiderbetrieb haben die acht Angestellten unter Mutters Regie weitergeführt.

Da brennt unser Haus in hellen Flammen. Mutter packt schnell alles Wichtige zusammen, das sie noch aus dem Haus holen kann. Fassungslos, mit weit geöffneten Augen, aus denen unaufhaltsam die Tränen fließen, stehen wir vor dem brennenden Haus, der Heimat unserer Kindheit.

Wir können bei einem Freund meines Vaters schlafen.

Vater hat das Krankenaus verlassen. Auf meinen fragenden Blick sagt er nur: „Es ist zu gefährlich. Beeilt euch. Der Fahrer steht schon vorm Haus.“

Wir steigen in ein großes Auto, Vater, Mutter meine zwei jüngeren Schwestern und mein kleiner Bruder, vier Jahre alt. Der Fahrer – er spricht verschiedene Sprachen – ist ein unsympathischer, kräftiger Mann. Er ist bewaffnet. Ich habe Angst. Wir fahren durch schneebedeckte Landschaft, es ist dunkel, die Straßen häuserleer. Plötzlich stellt sich uns ein Pick-up-Auto in den Weg. Zwei junge Taliban springen von der Ladefläche, einer schlägt unserem Fahrer auf den Kopf, wir müssen alle aussteigen. „Die Frau und die Mädchen Kopftücher“,

übersetzt unser Fahrer die schreienden Befehle. „Wir kommen bald in den Iran.“

Der Fahrer hält auf einem Parkplatz. Ich sehe ein kleines Haus in der Ferne.

„Alle aussteigen! Ihr rennt dorthin, in das Haus, aber schnell!“

Mit Koffern und Rucksäcken bepackt rennen wir, ich mit meinem kleinen Bruder auf dem Rücken. Das Haus war ein Stall mitten im Wald. Es waren noch viele andere Menschen dort. Ich war froh, in einer etwas wärmeren Umgebung zu sein. Ich hatte so stark gefroren, obwohl ich zwei Unterhemden, zwei Pullover, eine Strickjacke und einen Mantel und zwei lange Hosen anhatte. Viele Menschen lagen schlafend und schnarchend auf dem Boden. Ich weinte, und weinte mich dann schließlich in den Schlaf. Ich war zu müde.

Am nächsten Abend kamen wir wieder in ein stallähnliches Haus. Dort waren noch mehr Menschen. Es stank fürchterlich nach unsauberen Menschen, Essensresten und Kindern in vollen Windeln. Wir Kinder hatten schrecklichen Hunger, aber nichts mehr zu essen. Da half auch nicht das Geld, das meine Eltern an verschiedenen Stellen an ihren Körpern oder wir in unseren Socken und unserer Unterwäsche versteckt hatten.

Am nächsten Morgen gingen wir mit einem Begleiter zu Fuß weiter und gegen Abend erreichten wir mit unserem Führer – der mir angeboten hatte, meinen schweren Rucksack zu tragen – ein zerfallenes Gebäude, in dem noch mehr Flüchtlinge waren. In bleierner Müdigkeit fielen wir auf dem Boden, in einen tiefen Schlaf. Plötzlich Schüsse – einer, zwei – mein Herz rast, ich halte mir die Ohren zu. Meine Mutter jammert verängstigt: „Ich gehe zurück. Wir müssen überall sterben.“ Wir packen zusammen, machen uns auf den Rückweg. Da bricht mein Vater zusammen, wird bewusstlos. Meine Mutter schüttelt ihn: „Wach auf!“ Wir Mädchen weinen, mein kleiner Bruder schreit. Kein Arzt weit und breit. Ein Schlepper taucht in der Ferne auf. Er hat Wasser. Wir richten meinen Vater auf. Er trinkt.

„Zurück könnt Ihr nicht. Ich biete euch Pferde zum Kauf für die Weiterreise an.“ Kurze Zeit später bringt ein Iraner fünf gesattelte Pferde. Ich möchte meinen Rucksack auf den Rücken nehmen und erstarre vor Schreck. Er ist weg. Der Schlepper hat ihn gestohlen und ist damit abgehauen. Mir zittern die Knie, ich gehe zu Boden. Mein I-Pad, mein Handy und mein Fotoapparat waren in dem Rucksack. Unser jetziger Schlepper befiehlt mir aufzustehen. Es ist keine Zeit, dem Schmerz über den Verlust nachzugeben.

Mein Vater soll zusammen mit Mahdi, meinem Bruder, auf einem Pferd reiten und wir Frauen alleine auf je einem. Ich habe Angst vor den großen Tieren. Noch nie in meinem Leben hatte ich ein Pferd gesehen. Aber ich darf keine Angst haben.

Wir kommen in eine Stadt, in ein altes Haus, in dem wieder viele Flüchtlinge sind. Da steht ein bewaffneter Mann mit einer Totenkopf-Halskette, tätowierten muskulösen Armen und vielen großen Fingerringen. Vor ihm auf dem Boden liegt ein Mann, von ihm gerade erschossen. Ich kann nicht mehr weinen, ich bin erstarrt.

Weiter geht die Flucht, es ist keine Zeit für Gefühle, für Nachdenken oder gar Zurückdenken.

Unser Pferdehändler führte uns bis nahe an die türkische Grenze. „So, nun müsst Ihr zu Fuß weiter.“ Er deutete auf eine Bergkette vor uns. „Ihr geht diesen Hügel hinauf, auf der anderen Seite ist eine Geröllhalde. Auf dieser lasst Ihr euch hinunterrollen, und unten ist schon die Türkei.“ Er band die Pferde zusammen, drehte sich um und ritt davon. Wir kämpften uns zum Bergkamm hoch. Dort sahen wir unten einen kleinen See. Es hatte geregnet, starker Wind kam auf. Fast besinnungslos ließen wir uns hinunterrollen, in einen tiefen vom Regen aufgeweichten Schlamm. In der eisigen Winternacht drohte der in Klumpen an unserer Kleidung hängende Matsch zu gefrieren. Wir schleppten uns frierend in eine Stadt. Jemand brachte uns in eine Wohnung in einem mehrstöckigen Haus, die wir wochenlang nicht verlassen durften. Sie wurde zum Gefängnis für uns.

Endlich, nach Wochen, holte uns ein Auto ab. Wieder in der Dunkelheit. Nach kurzer Fahrt hielt der Fahrer neben einem Bus, dessen Scheiben alle verhängt waren. Wir mussten in den bereits mit anderen Flüchtlingen besetzten Bus umsteigen. In absoluter Schweigsamkeit fuhren wir durch die stockdunkle Nacht. Nach Stunden hielt der Bus in einem Wald. „Alle aussteigen, jeder bekommt eine Schwimmweste, auch die Kinder!“

„Oh nein, was soll das heißen“, ging es mir durch den Kopf. „Ich kann nicht schwimmen.“ Wieder blieb mir keine Zeit, länger Angst zu haben. Mutter kam und schwärzte uns Mädchen die Gesichter. Sie hatte wahnsinnige Angst, dass sich einer der auf uns zukommenden Männer an uns vergreifen könnte. „Und schaut auf keinen Fall die Männer an, nur auf den Boden schauen“, hämmerte sie uns ein. „Schneller, schneller ihr faules Pack!“ schrien sie uns an und trieben uns wie Vieh zur Küste.

Dort lag ein altes Motorboot. Sie pferchten uns hinein, 60 Menschen, Männer, Frauen und Kinder. Einer der Männer warf den Motor an und sagte zu zwei erwachsenen jungen Afghanen: „So, und nun steuert Griechenland dort drüben an. Wir kommen mit einem kleinen Boot hinterher.“ Das war gelogen. Sie kamen nicht.

Wir waren schon bald auf dem Meer, völlig uns selbst überlassen. Plötzlich gab es eine Explosion, ein gewaltiger Feuerschein. Ein anderes Boot mit Flüchtlingen an Bord brennt. Sie springen brennend ins Wasser und ertrinken. Aber Mutter lässt mich nicht mehr schauen. Sie hält mir die Augen zu. Das letzte, an das ich mich erinnere, waren Menschen als lebende Fackeln. Ich zitterte, ich fror, drohte vor Angst bewusstlos zu werden. Ich konnte ja nicht schwimmen.

Langsam lockerte meine Mutter die Umklammerung. Wir konnten die Umrisse von Land sehen. Das Boot setzte auf. Nach kurzem Durchwaten des Küstenwassers kümmerten sich Polizisten um uns klatschnasse Gestalten. Busse brachten uns in ein Lager. Wir wurden registriert. Vater ging es wieder sehr schlecht.

Anderntags schaffte es Mutter, ein Schiffsticket nach Athen zu ärztlicher Hilfe aufzutreiben. Auf dem Schiff konnten wir zum ersten Mal seit Wochen duschen. Wir sahen so mitleiderregend aus, dass uns eine Familie Kleidung von sich für die Weiterreise gab und uns versprach, Fahrscheine bis nach Albanien zu kaufen.

Wir gehen zu Fuß von Albanien nach Bosnien, über die Grenze. Mutter kauft von unserem letzten Geld Bahntickets nach Serbien. Dort werden wir sofort in ein Lager mit meterhohen Zäunen gesperrt. Die Polizisten beschimpfen uns: „Faules Pack, Zigeuner!“, wir müssen gerade stehen, sonst gibt es Stockschläge. Doch sie wollten uns sehr schnell loswerden und wir wurden über Kroatien nach Österreich abgeschoben.

Dort strahlt uns ein junger afghanischer Dolmetscher an: „Jetzt seid Ihr frei!“ Von einem Flüchtlingslager an der deutschen Grenze kommen wir schließlich nach Deutschland.

„Willkommen in Deutschland!“, werden wir empfangen. Auf die Frage, wo in Deutschland wir hin wollten, wussten wir keine Antwort. Uns war es egal, wir hatten Deutschland bis dahin nicht gekannt.

Nach Unterkünften in Sigmaringen, Ulm, Eberbach, Baiertal, erhielten wir schließlich eine Wohnung in Wiesloch, wo meine Tränen aber nicht versiegen wollen, ich Angst habe zu träumen, aber keine Angst mehr, auf die Straße zu gehen, wie in Kabul.