Fragile Tage

Claudia Ganter

Auf den leicht abschüssigen, mit Kieselsteinen bedeckten letzten Metern zum See hinunter lag es, das kleine Stück Silberpapier, bestrahlt von der im perfekten Winkel auftreffenden Nachmittagssonne, und zog seinen oft zerstreuten Blick auf sich. Er fand es am Abend wieder, in den feuchten Badetüchern, die er zum Trocknen aufhängen wollte. Nur ein Stück Silberpapier. Vermutlich hatte es den weichen Streifen eines Kaugummis umhüllt, das jemand ausgespuckt hatte. Er faltete es auseinander, bis es ein glänzendes Rechteck ergab, voller knittriger Linien, die sein Zeigefinger betastete, als gelte es, eine Botschaft zu entziffern. Was er in diesem matten Spiegel sah, lag Monate zurück:

Der Mann umfasst das Kinn der blonden Frau. Sie küssen sich, kurz, spielerisch, wie zur Probe, dann noch einmal, sehr lange. Sie sehen sich in die Augen, versunken ineinander. Die Frau berührt die kleine, fast unsichtbare silbrige Narbe in seiner Halsgrube, die nur sie kennt und er selbst vergessen hat. Sie küsst sie zärtlich und ihr Mund gleitet hinunter zu seiner Brust. „Lass uns tanzen!“, unterbricht er sie und ruft mittels seiner Bluetooth-Box passende Musik auf. Er setzt seinen Strohhut lässig auf und verbeugt sich mit nacktem Oberkörper vor ihr. Die blonde Frau lacht. „Du Verrückter!“, sagt sie und steht auf. Auf nackten Füßen folgt sie seinen Tanzschritten auf dem abschüssigen, abgeernteten Weizenfeld. Sie taumelt. Der Mann stützt sie ein wenig. Später suchen sie lachend Schutz vor dem leise einsetzenden Regen und der Mann bedeckt ihre zerschnittenen Fußsohlen mit Küssen.

In der Nacht träumte er einen Traum: Das Silberpapier spiegelte sein Gesicht, das grau war, verschwommen und zerknittert. Schließlich löste sich sein Spiegelbild langsam, unaufhaltsam auf und mit ihm die Hand, die das Papier hielt. Es versank unbeachtet. Aber da war sie rechts neben ihm, da war ihr hübsches Profil, das ihn zusammenhielt. Sie schwamm neben ihm im nächtlichen See und lachte. Sie hatte kurz aufgeschrien, als das kühle Wasser die sensible Stelle ihres Bauchnabels berührt hatte. Das Wasser war nicht ihr Element, aber sie schwamm. Er holte Luft, tauchte und genoss seine Geschmeidigkeit, das Zusammenspiel seiner Muskeln, die Stärke seiner Arme, seiner Beine, seines Rückens, die Geschwindigkeit. Er schwamm weit hinaus. „Komm schon!“, rief er beim Auftauchen ohne sich umzudrehen und hielt erst inne, als das Prasseln des Regens seinen Blick unklar werden ließ. Verblüfft sah er eine Gruppe von Menschen an sich vorbeigleiten, dunkle Schemen in einem langgestreckten grauen Kahn. Sie beachteten ihn nicht. Ihre Blicke waren nach vorn gerichtet, ihre Profile starr. Trotz des Regens flatterte ein schwarzer Schleier. Er holte Luft und drehte sich um zu der blonden Frau. Wollte ihr Lachen hören. Vergeblich.

Lange saß der Mann auf dem Boden und hielt sich an dem schmalen Silberrahmen auf seinem Schoß fest. Das war noch übrig von seinem Glück: das Foto vom See in seiner meist glatten, silbrig schimmernden Oberfläche und im Vordergrund ihr blondes Haar, ihr Mund, ihre Augen, die direkt auf ihn gerichtet waren. „Mach schnell, ich geh sonst unter!“, hatte sie lachend gerufen, als er Einstellung und Blickwinkel penibel überprüft hatte und so schnell nicht zufrieden gewesen war. Sein Blick konnte sich nicht von ihr lösen. Der Mann berührte prüfend seine Halsgrube und vollzog mit dem Mittelfinger die kleine, seit Kindertagen geübte Bewegung: blitzschnell nach unten und dann von links nach rechts. Fragiles Ritual. Fragile Tage. Er begegnete seinem Blick in der Spiegelung des Fotos. Sein Gesicht schaute sich ein Stück weit in die Augen, seine Pupillen weiteten sich und zogen sich wieder zusammen, als er an die schwarze Prozession dachte, die er angeführt hatte in dem großen, schönen, entsetzlich stillen Park.