Füße

Gisela Hübner-Dross

Zu groß geraten für die kleine Gestalt, Füße, zwei dauerlaufende Sohlen durch neun Jahrzehnte, von schlechtem Schuhwerk in Zeiten des Krieges früh gedrückt, gezwickt und verformt, aber randsteinhüpfend auf dem Schulweg, beim fantasiereichen Hinterhofspiel mit Nachbarskindern – wandervogelbeschwingte Mädchenfüße auf dem Weg in arme, wolynische Dörfer, über Berg und polnisches Feld und deutschen Wald und tiefes, tiefes Tal, siegessicher,
Jahre später flüchtend über Schutt und Asche, auch Menschenasche, durch Abgründe und Geröllhalden, lichte Wiesen, Dorfanger zum Ausruhen, ach, auch Steine, Schmutz und Schlammiges kamen ihnen unter, deinen Füßen,
begleitend, sichernd neben Kinderfüßen, in jähem Weltenwechsel umherirrend, beharrend und tastend fanden sie mit ihrem Begleiter den Pfad in ein anderes Leben, eine andere Heimat, fanden Unterschlupf und Rast, Schutz im Schlaf, Gartenerde durfte ihnen anhaften,
traten wohl bisweilen auf andere Füße, wurden zurückgetreten, das tat weh, veränderte,
alte, schleppende Füße schließlich, in übergroßen Schuhen, was schmerzten sie, die verbogenen Zehen, die armen „Ballen und Zacken“, eigene Heilversuche halfen nicht lange, sie wollten nicht mehr vors Haus, nicht einmal in den geliebten Garten, ließen Gefährten warten, wollten lieber im Kämmerlein bleiben und endlich, ganz am Ende im letzten Bett.

So liegen sie vor mir, weiß und zart, so krumm und stumm, deine großen Füße, ruhen sich aus, werden nie, mehr den Boden berühren, die Erde spüren, nie wieder, du meine kleine, uralte, leicht gewordene, unendlich langsam verlöschende Mutter!

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