Marvin und die schäbige Reisetasche

Gertrud McCalmon

„Oma, ich muss gehen, die warten schon auf mich“, sprach Marvin und griff nach seiner schäbigen Reisetasche. An der Tür drehte er sich noch einmal um: „Oma, jetzt guck doch nicht so traurig, ich komm’ doch wieder. Ich bin noch jedes Mal wiedergekommen.“ Und weg war er.

Marvins Vater stammte aus Mannheim und war als Bauingenieur in Sambia tätig. Dort heiratete er eine Einheimische und Sohn Marvin wurde geboren. Die Mutter starb, als das Kind 4 Jahre alt war. Fürsorge für das Kind trug der Clan der Verstorbenen bis der Vater entschied, der Junge sollte zu seiner Oma nach Deutschland. Verzweifelt klammerte sich der Junge am Tage der Abreise an seine Lieblingstante: „Hast du mich nicht mehr lieb“, schluchzte er und dicke Tränen kullerten ihm über die Wangen. Die Tante drückte ihn fest an ihre Brust und flüsterte ihm zu: „Ich werde dich immer in meinem Herzen tragen und schau, meine Reisetasche habe ich dir gepackt. Zugegeben, sie sieht schon ziemlich schäbig aus, halte sie trotzdem in Ehren, sie soll dich überall hin begleiten und an deine afrikanische Familie erinnern.“

Oma lebte in Schönau, einem Mannheimer Stadtteil, der als sozialer Brennpunkt galt. Das war Marvins neue Heimat. An die Zeit im Kindergarten erinnerte er sich gerne. Hier war er mit seiner braunen Hautfarbe der Star.

Mit der Einschulung trat ein, was seine Oma befürchtet hatte. Die Eltern setzten alles daran zu verhindern, dass ausgerechnet ihr Kind mit Marvin die Schulbank teilen sollte. Marvin bekam daraufhin eine Schulbank ganz für sich allein. „Ich habe viel mehr Platz, als die anderen“, erklärte er seiner Oma freudestrahlend.

In der Volksschule Freunde zu finden, war ihm nicht gelungen. Seine Hautfarbe stand ihm dabei im Wege. Mit dem Wechsel in die Realschule ging er einen anderen Weg. Er erkaufte sich die Zuneigung seiner Klassenkammeraden, vorwiegend jener, die heimlich in einer Schmuddelecke auf dem Pausenhof rauchten. „Ich kann euch alles besorgen, ihr müsst mich nur wissen lassen, was ihr wollt. Natürlich hat das seinen Preis. Umsonst mache ich das nicht. Ihr zahlt oder ihr nehmt mich in eure Gruppe auf“, war Marvins Ansage. „O.k., du bist jetzt unser Freund, aber deine komische Reisetasche, die du ständig mit dir rum trägst, die passt nicht zu uns, das olle Ding ist reif für die Tonne.“ Marvin überhörte das. Die Tasche gehörte zu ihm, wie seine Hautfarbe. Im Laufe der Zeit besorgte er, was seine neuen Freunde begehrten. Anfangs waren es nur Zigaretten und Bier. Bald folgten Marihuana und schließlich auch härtere Drogen. Marvin war ein findiger Kerl und hatte so seine Quellen. Und Oma? Sie hatte längst ihren Einfluss auf den Enkel verloren. Mit 16 rauchte Marvin seinen ersten Joint. Mit 18 war er Heroin abhängig. Mit 20 stand er zum ersten Mal vor Gericht. Mit der Auflage, sechs Monate auf einem Gnadenhof für Pferde zu arbeiten, kam er noch glimpflich davon. Die Arbeit gefiel ihm und er hatte ein Händchen für Pferde. Gerne wäre er länger geblieben, doch die Szene lockte und Marvin packte seine schäbige Reisetasche.

„Klar, beim Beschaffen von Drogen bin ich dabei, aber eine Waffe nehme ich nicht in die Hand. Das könnt ihr euch abschminken“, waren Marvins Worte, als er wenige Wochen später vom Kopf einer einschlägigen Gang angesprochen wurde. Doch mit dieser Einstellung war Marvins Mitgliedschaft beendet noch ehe sie richtig begonnen hatte. Egon, ein Jüngling aus der Nachbarschaft, der trotz seiner Jugend schon eifrig am Drogenkarussell drehte, wurde Marvins neuer Partner. Mit den Worten: „Du siehst so unschuldig aus, dabei hast du’s faustdick hinter den Ohren. Du und ich, das passt erstklassig“, hatte Marvin ihn geködert.

Zwei Jahre lang funktionierte die Zusammenarbeit hervorragend. Doch Marvin wollte mehr. „Egon, Alter, ich hab’ keinen Bock mehr, von den Dealern abgezockt zu werden. Wir sollten das Geschäft selbst machen“, offenbarte er eines Tages seinen Plan. „Spinnst du? Ohne mich. Mit der Drogenmafia habe ich nix am Hut“, war Egons Reaktion. „O.k., ich verstehe wenn du Schiss hast! Den geplanten Coup ziehen wir aber noch durch, danach kannst du dich ja vom Acker machen.“ Bei ihrem letzten Coup flogen Marvin und Egon jedoch auf. Die verdeckt ermittelnden Polizisten griffen zu. Egon wurde vom Gericht als Mitläufer eingestuft und zu einem Jugendarrest verdonnert, Marvin als Wiederholungstäter für 9 Monate ins Gefängnis geschickt. Er war 22 Jahre alt, als er seine schäbige Tasche zum ersten Mal für einen längeren Abschied von Oma packte.

Seine Loyalität und seine Bereitschaft zu teilen verschaffte ihm die Aufnahme in den erlesenen Kreis der Knastbrüder mit jahrelanger Erfahrung im Drogengeschäft. Marvin war ein gelehriger Schüler und am Ende seiner Haftzeit verfügte er über das Rüstzeug, das einen erfolgreichen Dealer ausmachte.

Sein Aufstieg in die Dealerszene nahm rasant Fahrt auf. Doch entgegen der brutalen Vorgehensweise anderer Dealer bei zahlungssäumigen Kunden, hatten seine säumigen Abnehmer keine Gewalt zu befürchten. Der Drogenmafia blieb das nicht verborgen. „Wir können dieser Entwicklung doch nicht tatenlos zuschauen. Unsere Kunden laufen uns haufenweise weg. Es ist an der Zeit, diesem Nestbeschmutzer eine Lektion zu erteilen“, entschied man. Mit der Aussicht auf ein lukratives Geschäft wurde Marvin in eine Falle gelockt. Von einem Messerstich lebensgefährlich verletzt, war die Polizei erstaunlicherweise nur wenige Minuten danach am Tatort. Marvin konnte gerettet werden, eine seiner Nieren nicht. Da bei seiner Festnahme ein nicht unbeträchtlicher Bestand an Betäubungsmittel sichergestellt wurde, durfte er sich nach seiner Genesung auf sechs Jahre staatlich finanzierter Gastfreundschaft einstellen. Oma weinte und Marvin packte seine schäbige Reisetasche.

Er war 40 Jahre alt, als ich ihm zum ersten Mal begegnete. Mit Unterbrechungen hatte er 14 Jahre davon bereits hinter Gittern verbracht. Meist waren es Drogendelikte, manchmal auch weniger spektakuläre oder im Rausch völlig verrückte Sachen, die ihn immer wieder in Konflikt mit dem Gesetz brachten.

Eine seiner ausgeflippten Aktionen, die selbst den Richter zum Schmunzeln veranlasste, war Marvins Ritt auf dem Pferd. Wieder einmal auf Bewährung frei, kam er von Alkohol und Drogen umnebelt irgendwo in der Pampa zu sich. Es war drei Uhr morgens. Vage erinnerte er sich, dass er von Freunden im Auto zu einer Party mitgenommen worden war. Kein Freund, kein Auto in Sicht, aber Pferde auf einer Koppel. Er liebte Pferde und wie er mit ihnen umgehen musste, hatte er auf dem Gnadenhof gelernt. Vielleicht hatte Marvin das Talent eines Pferdeflüsterers, denn kaum hatte er die Koppel betreten und seltsame Töne von sich gegeben, trabten die Pferde mit gespitzten Ohren auf ihn zu. Eine Stute schien sich besonders für ihn zu interessieren. „Komm’ ruhig näher“, sprach Marvin mit gedämpfter Stimme, während er sich langsam von vorne dem Tier näherte und es zärtlich an Stirne und Hals tätschelte. „Was ist, hast du nicht Lust auf einen Ausritt? Du musst mir nur folgen.“ Marvin führte die willige Stute von der Koppel, schloss gewissenhaft das Gatter und schwang sich akrobatisch auf den Rücken des Pferdes. Das Reiten ohne Sattel hatte er auf dem Gnadenhof gelernt. Erst im leichten Trab dann im rasanten Galopp ging es über Wiesen und Felder am Stadtrand von Mannheim entlang bis nach Schönau. Zuhause angekommen, band Marvin die Stute im Hof an, rieb sie trocken und versorgte sie mit Wasser. „Keine Sorge, meine Liebe, ich bin fix und alle und muss nur ein paar Stunden schlafen, dann bringe ich dich zurück auf die Koppel, versprochen“, flüsterte Marvin der Stute zu und entschwand im Haus. Kaum zwei Stunden später stand er wieder im Hof. „Ich bin zwar noch nicht ganz klar im Kopf, aber ich muss dich zurückgebracht haben, bevor der Berufsverkehr einsetzt.“ Als ein erschöpfter Marvin auf dem Rücken einer quicklebendigen Stute an der Koppel ankam, wartete schon die Polizei auf ihn. Da es seiner Stute gut ging, wäre der Eigentümer bereit gewesen, die Anzeige wegen Diebstahl zurückzuziehen. Doch die Polizei zeigte sich unnachgiebig: „Im Wilden Westen knüpfte man einen Pferdedieb auf, bei uns wandert er in den Bau.“

„Ich muss dich mal wieder verlassen“, begrüßte er seine Oma an diesem Vormittag und packte seine schäbige Reisetasche. Im „Café Landes“, eine liebevolle Bezeichnung der Mannheimer für ihren Knast, wurde er bereits erwartet.

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