Metamorphosen

Hans-Jürgen Pirner

September 1950

Die Rückseite der Tafel hatte keine Linien. Anton zeichnete Autos, die kreuz und quer über die schwarze Tafel fuhren. Er malte Häuser, die senkrecht zur Straße standen, so wie sie ein Mitfahrender im Auto sieht. Zum Schulanfang bekam er ein großes Tretauto aus schwarzem Blech mit einem weißen Steuerrad und roten runden Scheinwerfern. Im Hinterhof übte er Autofahren: Er fuhr 5 m geradeaus, dann eine Kurve nach rechts. Er wollte Rennfahrer werden, wie Juan Manuel Fangio. An der Hofmauer hielt er an. Der obere Rand der Wand war mit Glasscherben gespickt. Marie-Christine schaute ihm zu. Er mochte ihre schwarzen lockigen Haare und dunklen Knopfaugen.    

          In Antons Heimatstadt wurden die schönsten Spielzeugautos hergestellt, die sich ein Kind vorstellen konnte. Seine parkten in einer großen Kiste auf dem Balkon. Die zwei Mercedes Rennwägen mit dem Stern, in rot und blau, hatten echte Gummireifen mit Flügelradmuttern. Es gab auch ein kremfarbiges Cabrio und eine rote Gangsterlimousine. Später kam dann eine lenkbare amerikanische Limousine „Ingenico“ hinzu. Sie fuhr mit Batterie, führte über Draht Fahrbefehle aus und hatte Heckflossen wie die amerikanischen Limousinen in der Zeitschrift „Popular Mechanics“.

          Antons Vater hatte einen Auto-Tick. Er sammelte die glänzenden Prospekte von Mercedes und liebte die Präzision, die in diesen Autos steckte. In unserer Straße hatte sich der Metzgermeister einen neuen 220er zugelegt, mit dem er vorfuhr, um seine Miethäuser in der Straße zu inspizieren. Es war mutig, sich in einem solchen Mercedes zu zeigen. Antons Mutter argwöhnte, dass die Kunden deswegen hohe Umsätze im Geschäft vermuteten und lieber woanders einkaufen gingen. Antons Vater verbarg seinen Mercedes in der Garage, weil die Arbeiter und Angestellten doch immer neidisch auf die Geschäftsleute waren.

September 1969

Vor dem Einschlafen träumte Anton, in einem roten Sportwagen zu fahren. Eine schöne Frau saß neben ihm, hinten auf den Notsitzen zwei Kinder. In der Dämmerung auf dem East River Drive kam die Stadt immer näher. Anton war im Auto wie in einem Leib geborgen. Der Motor brummte gleichmäßig. Alles war gut. Eine aufregende Zukunft wartete auf ihn. Aufbruch und Ankommen waren keine Gegensätze mehr.

          Im wirklichen New York hatte seine Gastfamilie schon ein Auto für ihn ausgesucht. Einen älteren roten Ford Mustang bei einem dieser Autohändler, die zwei Drittel der Vorstadtstraßen auf Long Island säumten. Anton konnte sich dieses Vorzeigeauto leisten. Der Mustang hatte einen Sechszylinder-Motor und sah wild aus. Er begleitete Anton die nächsten vier Jahre. Als Anton einmal einen Schulbus überholte, musste er zur Strafe Filme anschauen, die auf alle möglichen Arten und Weisen Autounfälle zeigten. Die Insassen hingen blutüberströmt in den verbeulten Blechresten, so dass auch der unwilligste Zuschauer die Pflicht erkannte, die Verkehrsregeln zu beachten.

Januar 1979

Zehn Jahre später. Die Zehn ist die natürliche Zahl zwischen Neun und Elf. Anton war zurück in Europa. Die Autobahnen an Sonntagen waren wie leergefegt. Ein neues Lebensgefühl für Fußgänger und Radfahrer. Anton besaß einen Kleinwagen und lebte mit einem russischen Kollegen im selben Haus. Vangil ging mehrmals in der Woche zur russischen Botschaft, um sich mit Auberginenkaviar, Heringen, Zigaretten und Wodka einzudecken, von denen er Anton am Abend großzügige Proben anbot. Vangil glaubte, dass Anton aus dem „deutschen Bruderstaat“ DDR kam. Vielleicht, weil er ein kleines Auto hatte, und abends die „Internationale“ von Radio Tirana hörte?

          Die Reisen nach Paris auf der damals fast fertigen Autobahn waren lang und wenig bequem. Anton fand nie so richtig an der nervösen Großstadt Gefallen. Da der Verkehr ihm Angst machte, kaufte er sich einen metallic grünen BMW. Das war ein solider deutscher Wagen. Er nannte ihn Panzer, weil er so schwer war. Seine Karosserie hätte eine Kollision mit jedem französischen Kleinwagen unbeschadet überstanden. Der gewichtige Apparat gab der jungen Karriere Antons Halt. Seine Freundin, die ähnliche schwarze Locken wie Marie-Christine hatte, liebte das schöne Auto. Weil Terroristen Luxusautos dieser Marke bevorzugten, wurde er einige Male von der Polizei angehalten. Er musste aussteigen und den Kofferraum öffnen. Dann wurde er intensiv befragt. Erst nach einiger Zeit erlaubten ihm die Gendarmen weiterzufahren.

April 1981

Es war ein schöner blauer Tag, wie man ihn sich nur träumen mag. Anton fuhr im Auto ins Büro. Manchmal, wenn Anton im Auto fuhr und dem Motor zuhörte, glaubte er, die Stimme seines Vaters zu hören. Alles schien angenehm, aber als sein Blick auf das Armaturenbrett fiel, das halbrund zu ihm hingebogen war, fingen die Anzeigegeräte zu tanzen an. Die Zeiger verwirrten ihn. Anton hatte das Gefühl, dass auf einmal sein ganzer Lebensplan wackelte. War der Grund, dass er nur einen Arbeitsvertrag für die nächsten vier Jahre bekommen hatte? In seinen Ohren dröhnte der Auspuff des Autos. Links auf der Wiese rannten drei Hunde um die Wette. Die Wiese war groß und weit, die Straße war leer. Plötzlich brach ein großer schwarzer Schäferhund aus der Meute und überquerte die Fahrbahn. Er kam direkt auf das Auto zugelaufen. Der Tacho zeigte ungefähr neunzig, ausweichen war zwecklos. Anton bremste, hörte einen Schlag auf der vorderen linken Seite, der Wagen hielt eisern die Spur, er kam zum Halten. Er hatte den Hund überfahren. Ihm war schlecht, er musste den toten Hund an den Rand der Straße schieben.

Autos hatten Anton von Kindheit an fasziniert, sie stillten gleichzeitig seine Begierden nach Veränderung und Stetigkeit. Es brauchte lange, bis ihm klar wurde, dass die Autos Vergangenheit waren, das Leben aber Gegenwart bedeutet. Er erkannte, dass es mehr Frauen als Autos gab. Blieb nur die Frage, welche und wann? Der erste Frühlingstag leuchtete in den buntesten Farben, unter einem blauen Himmel, den nur ein paar kräftige, sehr weiße Wolken auflockerten. Das Adagio der Symphonie aus der Neuen Welt stimmte das zärtliche Klarinetten-Motiv an, als sich die Tür öffnete und Carla hereinkam. Schwarze lockige Haare umrandeten ihr liebes Gesicht. Die Welt war in Ordnung. Er küsste sie.