Mikrosoziologie

Eva-Maria Reis

Geburtstagseinladung per launiger Mail.

Die Dame des Hauses verzichtet ausdrücklich auf Geschenke.

Um eine Spende wird gebeten.

Damit erübrigt sich die Frage: Was schenke ich bzw. bestünde die Möglichkeit, sich an einem Gemeinschaftsgeschenk zu beteiligen und, wenn ja, dürfte ich da überhaupt mitmachen?

Für die Person, die anerboten hätte, sich um ein Präsent zu kümmern, entfällt somit das Besorgen des Geschenks inklusive einer passenden Glückwunschkarte, das Absprechen des festzulegenden Betrags pro Person, sowie das Einrichten einer neuen WhatsApp-Gruppe mit der Überschrift: Geschenk Patrizia.

Das leidige Einsammeln des Geldes, verbunden mit Korrespondenzen in der ein oder anderen Form, vom Abtippen der korrekten IBAN ganz zu schweigen, die diskrete Entgegennahme des zugesteckten Geldscheins vor Beginn der Party und die Toleranz denjenigen gegenüber, die auf Herausgabe von Restgeld bestehen. Entfällt!!

Auf keinem Rücken wird noch schnell die Glückwunschkarte, deren Text oder Design Annette garantiert nicht gefallen würde, mit dem von ihr stets mitgeführten Montblanc unterschrieben und die Tinte trocken gefächelt.

Hans Werner – unser Pappenheimer – hätte erst nach dem zweiten diskreten Anruf gezahlt.

All diesen Prüfungen hat die Gastgeberin ihre Gäste nicht unterzogen.

Es wird gespendet – für die Bürgerstiftung.

Sehr beliebt ist auch Altersarmut von Frauen oder Hospiz. Den Leiter kennt man persönlich: Rainer mit seinem Windhund, der so aussieht wie Herrchen, schlank und drahtig, Veganer, das Herrchen aber wahnsinnig nett.

Giselas Mann ist kürzlich dort gestorben, er wollte das so – mit Musik.

Eine mir bekannte Dame begrüßt mich – Küsschen rechts, Küsschen links – letztes Jahr hatte sie diese Lippen noch nicht. Ohrringe klirren, Armbänder rasseln, die Wohlstandsrüstungen sind angelegt. Der Herr neben ihr zeigt lachend lange Zähne, er kommt gerade von der Wildschweinjagd aus Kroatien.

„Will die Elfi Geld zum Shoppen, muss sie vorher mit mir poppen.“

„Prost“, der Mann hat Humor.

Die Gastgeberin bittet zu Tisch. Platzkärtchen, von den Gastgebern in bester Absicht geschrieben und aufgestellt, nehmen mich in Haft.

Es gibt so schrecklich viele Langweiler, auch wenn sie sich selber nicht dafür halten.

Sterneköche und Golfplatzkenner, Stumme, die garantiert zwischen den Gängen verstohlen auf ihr Handy starren, Weinkenner worldwide, Damen – rücksichtslos eingehüllt in schwere Parfümwolken, zerstrittene Paare, die sich trotzig in Anwesenheit dritter „Schätzchen“ oder „Bärle“ nennen, kürzlich Hüft- oder Knieoperierte, die detailverliebt aus der Reha in Bad Wiessee berichten und jene, die unaufgefordert gute Ratschläge erteilen, selbstverständlich unter Einbezug des eigenen Erfolgs.

Man erfährt von Renditen, erfolgreichen Schwiegersöhnen oder -töchtern, die allesamt nahtlos auf Spur sind, natürlich weltweit.

Selbige pflanzen sich zum richtigen Zeitpunkt fort oder üben Verantwortung und Zweisamkeit im Vorfeld mit einem reinrassigen Hund.

Sollte nicht immer alles glatt gelaufen sein, dann sind sie vielleicht Schauspieler und haben wenigstens schon ein Hörbuch gemacht. Beim Habeck im Presseteam – na ja!!!

Ich – mittendrin – kein Ausweichen bis zum Dessert.

Nein, ich bin nicht zickig, ich reiche mit einem munteren Scherz das silberne Brotkörbchen weiter und lächle über die Blumendeko hinweg entfernt sitzenden Freunden zu.

Mein Tischnachbar erhebt sein Glas: „Auf einen schönen Abend in angenehmer Gesellschaft!“ Er hat schrecklichen Mundgeruch, ich versenke meine Nase im Weinglas, atme flach durch den Mund und rücke meinem Nachbarn zur Linken Zentimeter um Zentimeter auf den Pelz. Selbiger ist hocherfreut, denn er ist fast taub auf dem rechten Ohr und versteht ohnehin von allem nur die Hälfte. Der Glückliche!! Dafür hört man ihn umso besser.

Es vergeht eine Ewigkeit bis zum Espresso, jetzt endlich aufstehen, draußen eine rauchen, zum Dessertbüffet gehen.

Ich betrachte all die Köstlichkeiten, die ich besser nicht essen sollte. Kuchen von Blum, ein Must-have in der Metropolregion.

Noch so ein toller Schwuler, dieser Harald Blum. Begrüßt seine Kundinnen mit „Na, mein Hase …“, das kommt gut, da lachen auch die Ehemänner.

Ein schallendes „Ich grüße sie!“ ­– beliebte Formel erfolgreicher Menschen – verhindert, dass ich mich entspanne. Kurzer Smalltalk über meine neue Brille, man hat sich ja sonst nichts zu sagen.

Ich verabschiede mich mit einem freundlichen „Wir sehen uns noch“, und kehre mit einer kleinen Kuchenauswahl zum Tisch zurück.

Die Sitzordnung ist aufgelöst, der Mauldampf hat sich verzogen, eine volle Flasche Grauburgunder steht im Kühler.

Auf einen schönen Abend – ach ja, ein Euro pro Lebensjahr!

Ich war mit 65 Euro dabei.