Mit Glück Handicap 48

Hans-Jürgen Pirner

Pong! „Präsident Trump hat keine Chance sein Gesundheits-Programm durchzusetzen.“ Pong! „Um den Anforderungen der modernen Arbeitswelt zu begegnen, muss sich jeder der Digitalisierung stellen.“ Pong! Dieter drückte die Austaste. Der Diesel brummte leise vor sich hin. Auf der Autobahn gab es nicht viel Verkehr. Jochen saß neben ihm. Sie fuhren zum Golf Club, wie jeden Montag, seit zwei Jahren. Sie waren fast gleich alt. „Spielen Sie schon Golf oder haben Sie noch Sex?“ Golfspielen im Alter. Da musste man sich das sagen lassen.

 

Die beiden Männer hatten sich beim Training im Club kennengelernt. Sie hatten das gleiche Handicap 48. Aber was bedeutete das schon. Sie näherten sich der Ausfahrt Sonnenheim, und Dieter fuhr langsamer. Im Kreisverkehr zirkulierten die großen Lastwagen von Aldi, Edeka und Co. Und dann kam noch so ein blödes Taxi mit einem Fahrer, der einen lilagrün-karierten Schal trug. Im Auto einen Schal! Vielleicht, weil es hier nicht so warm war wie in Afrika. Dieter trat abrupt auf die Bremse. Der Mercedes sackte etwas ab, neigte sich in der Kurve.

 

Die Woche begann voller Versprechungen. Alles war möglich. Eine Bahn, bei der man nur einen Schlag mehr als ein Profi brauchte. Gerade, weite Abschläge wie Jason. Glücksmomente.

 

Dieter fuhr jetzt noch langsamer. Brigitte hatte ihn enttäuscht. Er hatte mit ihr für ein paar Tage nach Wien fahren wollen. Aber sie meinte, es wäre schöner zu Hause, jetzt im Frühherbst. Das Wetter so mild und die Luft so erdig und so voll. Als könnte das in Wien nicht auch so sein. Beim letzten Mal, als sie zu viert zum Essen waren, hatte Jochens Frau Doris vom Urlaub auf der ostfriesischen Insel erzählt. Von der polnischen Vermieterin und den Riesenkaninchen, die sie im Garten aufzog. Und dann die Ferien-Wohnung selbst, alles neu, wie aus dem Katalog. Dieter hatte oft in möblierten Apartments gewohnt.  Vermieterinnen konnten ihn nicht mehr überraschen. Egal, ob sie ihn bemuttert, kontrolliert oder mit strengen Regeln zu Sauberkeit und Ordnung angehalten hatten.

 

Gestern war er beim Entscheidungstheoretiker. Kein weiter Weg, nur über die Brücke und dann ungefähr einen Kilometer flussabwärts. Es war ziemlich heiß. Sie einigten sich über die Zustände der Welt oder besser, wie man die Zustände der Welt bewerten sollte. Wie soll man handeln? Aktionen machten aus einem komplexen Zustand der Welt einen noch komplizierteren Zustand. Klingt alles sehr mathematisch, hatte der Entscheidungstheoretiker gesagt, und dass sie den letzten Knackpunkt noch gar nicht beleuchtet hätten.

 

Da war schon die Zufahrt zum Club. Der Kies knirschte. Die Clubfahnen zerrten hektisch an den Masten. Viel Wind heute, dachte Dieter. Brigitte wird jetzt schon in der Arbeit sein. Früher war sie oft mitgekommen, jetzt machte sie sich nichts mehr daraus. Er entdeckte Stefanies weißen Skoda. Also spielt sie heute doch. Warum hatte sie auf seine Einladung nicht geantwortet? Bevor sie hierherzog, wohnte sie in München, wo Dieter studiert hatte. Ihr leicht bayrisch eingefärbter Dialekt weckte angenehme Erinnerungen. Damals war in Schwabing noch richtig was los. Er parkte den Mercedes in einer freien Lücke.

 

Am ersten Abschlag wünschten sich Dieter und Jochen ein „schönes Spiel“. Diese Freundlichkeit gehörte zur Etikette. Loch 1 hatte ein Bootleg, eine gekrümmte Bahn, die man aufmerksam spielen musste, sonst landete der Ball in einem der drei Bunker auf der Seite. Eine riesige Buche behinderte die Sicht. Dieters Ball landete am linken Rand, fast auf dem Weg, der den Rasen begrenzte, und Jochens Abschlag war knapp am Dickicht, rechts von der Buche. Der frühe Herbstwind hatte die Blätter über den kurz geschorenen Rasen verteilt, so dass sie den Ball versteckten. Handicap 48, sie brauchten mindestens zwei, manchmal drei Extraschläge an jedem Loch.

 

Dieter kam immer gern zum Golf. Nach der Pensionierung hatte er sich in einem interdisziplinären Kolleg engagiert. Das Ellsberg Paradox und die Decision Theory. In der ersten Urne waren genauso viele schwarze wie weiße Kugeln. In der zweiten Urne wusste man nicht, wie viele Kugeln von jeder Sorte drin waren. Das war die Spielregel: Wenn man in der ersten Runde aus einer Urne eine schwarze Kugel zog, erhielt man eine Belohnung, falls man eine weiße Kugel zog, ging man leer aus. Es schien vernünftig, sich für die erste Urne zu entscheiden, da die Chancen dann mindesten „fifty-fifty“ stünden. Beim zweiten Durchgang wurde die Regel geändert.

 

Jochen war ein eher ruhiger Typ, der sich positiv motivierte: „Du hast Zeit.“  Oder: „Der Ball ist noch nicht verloren.“ Dieter konnte sich nicht verkneifen kräftig zu fluchen, als beim Putten sein Ball knapp am Loch vorbeirollte. Er musste wieder an Stefanie denken. Warum hatte sie nicht geantwortet? Brigitte organisierte für ihn zu Hause die üblichen Einladungen. Sie kochte gern. Doris und Jochen waren nette Gäste. Es gab viele Gemeinsamkeiten. Jochen war auch viel in der Welt herumgereist. Beide wollten gut spielen und sich auf ihr Spiel konzentrieren, deshalb redeten sie fast nichts.

 

Am Ende der ersten Bahn hatte jeder wieder drei Schläge über der Schlagvorgabe. Dieter zog seinen Karren mit der blauen Tasche hinter sich her. Die Schläger in den drei verschiedenen Fächern klapperten. Jetzt schoben sie ihren Wagen zum zweiten Abschlag. Es gab keine Entscheidungen zu treffen, nur zu spielen.

 

Die Heimfahrt verlief etwas gesprächiger. Glücksmomente? Sie sahen sich zweifelnd an. Alles war möglich? Wohl eher eine Lachnummer. Nur einen Schlag mehr als ein Profi? Einfach ein angenehmer Tag.

 

Brigitte hatte schon das Mittagessen zubereitet. Dieter ließ sich etwas erschöpft auf den Stuhl fallen. Da stutzte er. Sah er richtig? Neben seinem Platz lagen zwei Flugtickets nach Wien.

 

 

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