Sound-Event mit Nebenwirkung

Astrid Arndt

„Nun sei doch nicht so, komm einfach mit! Der Sound-Event ist total angesagt!“ Meine Schwester stylt den letzten Schwung in ihre blaue Haarsträhne und tippt ein „Ok – wir fahren jetzt los!“ an ihre Freundinnen ins Handy. Ach Gott ja, experimentelle elektronische Musik, hektische Videoprojektionen, Lautsprecher kurz vor dem Bersten – „Spacetone-Music, Kunst halt, echt hipp“, hat sie gemeint, als ich mit meinen Cup Cakes in der Tür stand. Sie zieht einen Finger genüsslich durch das Icing und lässt das Blech wie Höllenwerk im Kühlschrank verschwinden. ‚Das war auch das letzte Mal, dass ich überraschend hier vorbeikomme‘, denke ich. ‚Und dann noch in dieses Clubhaus mit ihrer ganzen Clique!‘ Alle aufgebrezelt bis zum Anschlag und gefühlt Jahr-zehn-te jünger. In einem letzten Fluchtimpuls deute ich auf mein völlig un-angesagtes Oberteil, da hat sie schon das passende Tuch in der Hand und wirft es mir über.

Auf der Fahrt durchwühle ich nervös die Handtasche. ‚Gut Mädels‘, mache ich mir Mut, ‚hab ich alles schon gesehen.‘ Auf der Biennale in Venedig, auf der Documenta in Kassel, ich weiß Bescheid. Ohrstöpsel aus Silikon, die guten (ne, Oma?), helfen prima gegen Glockenläuten in Schweizer Dörfern. Wenn ich die mal dabei hab … Entwarnung, da sind sie, in der Seitentasche links, mein Körper entspannt sich. Ich liebäugle sogar damit, die Ohrstöpsel gleich beim Betreten des Saales einzusetzen – das schrille Gezwitscher der Mädels kann Dämmung vertragen! Aber wer weiß, vielleicht merken sie’s gar nicht. Oder die Drinks sprudeln zu laut. Jedenfalls ergattern sich die Damen ihre Plätze direkt zwischen Lautsprecherbox und Theke ohne auch nur ein Wort an mich zu verschwenden.

Inzwischen läuft sich die Videoprojektion schon mal an der Wand warm. Tonlos, wie gnädig. Das Lichtmuster kommt mir aufdringlich bekannt vor, grau-braune Würfel in Reihe. Aber irgendwie rastet keine Erinnerung daran ein. Och nee, geht das jetzt schon los mit dem maroden Altershirn? Bloß weil da Lederleggins Größe 0 vor mir rumwippen??? – Ganz ruhig, schnell umschalten, das ist nur die Musik, die hier losgeht. Reiß dich zusammen. Ich gebe auf und versuche zuzuhören. Irgendwann zwischen endlosen „Clicks“ und „Cuts“, „Beeps“ und Tinnitus fällt mir ein, dass ich meiner Schwester mal ‘ne Fitnesshose aus grau-braunem Würfelstoff geschenkt habe: mit demselben Muster, das da grad über die Leinwand zuckt. Bingo – voll up to date – und das von mir!

Ab da bin ich ANGESAGT. Zehn Jahre jünger. Oder sogar elf! Mit Open Mind für Techno-Art, wow. Und die Musik ist gar nicht so schlecht! Rundum groovt die Menge, wär doch gelacht, wenn ich nicht… Plötzlich dreht der Künstler vorn die Bässe hoch. Alles fängt an zu vibrieren, der Saalboden unter mir, die Bühne vor und die Theke hinter mir. Unregelmäßig. Hochfrequent. Wummern direkt in den Körper, ohne Umweg über die Ohren. Was helfen da Stöpsel!!! Nach 10 Minuten fühlt sich mein Brustkorb an wie ein Trafo-Häuschen hart vorm Kurzschluss. Meine Schwester dreht sich nach mir um. Mit wilden Gesten signalisiert sie, dass man Herzrhythmusstörungen kriegen kann (jaja, von so-was!), deutet auf mich, meine Füße und nach draußen. Sie selbst bleibt natürlich drin. Ich altere schlagartig um Jahrzehnte.

Also gut, setze ich mich draußen ins Foyer. Um mich herum Weingläser, angeregte Gespräche, Clubatmosphäre. Nichts für mich, ANGESAGT war gestern. Im orangenen Omasessel neben mir schläft ein Student, die Krawatte um Augen UND Ohren gebunden, der hat echt Nerven. Ich eher nicht. Meine Füße vibrieren immer noch, ganz zu schweigen von Brust und Trommelfell. Lange kann das ja nicht mehr dauern hier… Irrtum. Nachdem ich drei Tode vor Langeweile gestorben bin, ist mir der nächste Tod auch egal – ich geh wieder rein. Schon allein, weil meine Schwester im Auto so vom letzten Stück geschwärmt hat und dass ich das auf keinen Fall verpassen darf. Unauffällig platziere ich mich gleich hinten beim Ausgang, die angesagten Schnepfen müssen ja nicht alles wissen.

Der Saal ist brechend voll, immer noch, die Musik erstaunlich leise, kein Wummern weit und breit. Ein Nerd mit Intellektuellenglatze und schwarzer Brille tänzelt auf Designerschuhen vor meiner Optik herum. Diesmal sind die Videoprojektionen schwarz//weiß – Kreise, Punkte, Sinuswellen. OK, lassen wir uns drauf ein. Punkt, Punkt, Komma, Strich – erste Klasse Niveau. Allmählich schaltet meine Stimmung auf Gleichstrom – da geht das Video in die zweite Phase. Blitzlicht-Flashs im Sekundentakt! In einer Helligkeit, dass die Augen tränen. Wie beim Netzhaut-Antackern im OP. Kriegt man Migräne von, kenn ich schon, ich muss hier weg. Echt jetzt, schon wieder. Kunst mit akutem Körperverletzungspotential. Ich fühl’ mich so alt wie Methusalem.

Aber halt mal – in dem Moment, als ich mich umwende, öffnet sich vor meinem Blick ein schmales Rechteck. Im Dunkel bei der Sekt-Theke, links von der flackernden Leinwand. Es ist von warmem Licht erfüllt und durchzogen von lebhaft blauen Flächen mit roten Ecken. Dazwischen flaschen­grüne Dreiecke im Kontrast zu schwarzen Geraden. Im Vordergrund führt eine weiße, rundliche Form amorphe Bewegungen mit einer silbrigen Raute aus… Na, das ist doch mal ein Video nach meinem Geschmack! Rasant abstrahiert zwischen Kandinsky und Klee – ich kann gar nicht wegsehen vor lauter Begeisterung. Soll der doch „flashen“ auf seiner großen Leinwand, die Konkurrenz schläft nicht!

Sekunden später erkenne ich, dass die rundliche Form eine Kellnerin ist und die Raute ihr Servierwagen. Die Gute holt gerade grüne Bier-Flaschen aus einer Abstellkammer neben der Bühne, na Mahlzeit. Blaurote Getränkekisten in hohen Stapeln vor schwarzen Schrubber-Stielen. Ich schwanke kurz. War wohl ein Haushalts-Trigger, tja. Aber Schrubber hin oder her, ist das eigentlich weniger Kandinsky? Schon packt der Nerd mit Glatze eine Butterbrezel aus und greift sich das nächstbeste Bier vom Servierwagen. Seine Coolness sinkt proportional zum Anstieg meiner Sympathie für ihn. Sogar das Video auf der Großleinwand streckt die Waffen. Kommt da nicht Grün in die Streifen… über der Sinuskurve? Auch die Punkte werden jetzt farbig, wechseln sich rot mit dem Streifengrün ab. Und peng – die Farbe der Getränkekisten! Der schwarze Hintergrund wechselt zu blau und wieder zurück, alles im Beat. Die Zuschauer neben mir dehnen die Hälse. Ist denn so was erlaubt, von wegen „puristisches Kunstkonzept“? Ihr habt ja keine Ahnung, nein, das ist glatte Anarchie! Getränkekiste unterwandert Computer, Bierflasche küsst Sinus­kurve, alle Macht dem Alltag. Ich wippe auf den Zehen – alles easy, mein Nacken ist locker. Verwunderte Blicke vom Nerd ?!?!?

Tja!!! Da schauste. Methusalem war gestern.