Spaziergang am Meer

Ingrid Dietrich

Reisen in Corona-Zeiten geschieht vor allem im Kopf. Da ist es gut, einen Vorrat an Bildern gespeichert zu haben und Erinnerungen an Orte abrufen zu können, an denen man oder frau glücklich war. Glücklich angesichts des unendlichen Meeres, das so viele Facetten hat und so viele verschiedene Gesichter zeigt …

Meine Erinnerung wandert nach Punta del Hidalgo auf Teneriffa: Dieser kleine, überschaubare Küstenort liegt auf einem Felsensporn, der mit seinem Leuchtturm weit ins Meer hinausragt. Dahinter steigt das Anaga-Gebirge auf – schwarze Lava-Felsen, wild und schroff. Das Meer ist manchmal friedlich und legt bei Niedrigwasser den Lava-Strand frei. Darin gibt es ausgewaschene Becken, in denen Seehasen, Seegurken, Seesterne, Krebse und allerlei anderes Getier hausen. Kommt man näher und will in Augenschein nehmen, was da in den Tümpeln lebt, erstarren alle diese Lebewesen in Bewegungslosigkeit. Ihre Tarnfarben sind der Umgebung perfekt angepasst. Reichen ihre Schutzfarben nicht aus, um sich meinen neugierigen Blicken zu entziehen, dann verschwinden sie rasch in irgendwelchen Löchern und Höhlungen des dunklen Lavagesteins.

Manchmal scheint der Teide, der höchste Berg Spaniens (3 718 m), zum Greifen nahe und schwebt über der Küste. Manchmal ist er aber auch in Dunst gehüllt. Oft umschmeicheln Wolkenfetzen sein Vulkanprofil, das von weitem wie eine hochgereckte Brustwarze aussieht.

Bei schönem Wetter ist das Meer friedlich und rollt in sanften Wellenlinien auf die Küste zu. Dann stürzen sich Kinder und Erwachsene voll Freude in die Fluten. Im Meeresschwimmbad – einem kreisrunden, ausbetonierten Becken –hört man das Gelächter und Gekreisch der Kinder. Die Erwachsenen freuen sich über die hereinschwappenden Wellen und benutzen sie als Dusche. Auch die Liegeflächen neben dem Meeresschwimmbecken sind belebt. Weißhaarige Fischer mit wettergegerbten Gesichtern, Oben-Ohne-Mädchen und Mamas mit Kleinkindern sonnen sich am Rand des Schwimmbeckens auf ausgebreiteten Badetüchern. Einige Windsurfer wagen sich bäuchlings auf ihren Brettern hinaus aufs Meer, versuchen in den Stand zu kommen und kippen wieder um. Nur den Geübtesten gelingt es, am Saum einer mittelgroßen Welle entlang zu surfen und erst kurz vor dem Ufer abzuspringen.

Das sind die ungetrübten Sonnentage, an denen weiße Kumuluswolken über den gezackten Rändern des Anaga-Gebirges hängen.

Manchmal aber, wenn der Wind von Norden her den Atlantik aufwühlt und der Neumond zusätzlich die Wassermassen in Bewegung bringt, sieht das Meer ganz anders aus. Dann liegt ein gewaltiges Getöse in der Luft. In drei Etagen übereinander stürmen ungeheure Wellenkämme heran. Manche dieser Brecher sind mehr als zwei Meter hoch. Mit ungeheurer Wucht stürzen sie auf die Uferpromenade zu und lassen Fontänen von weißer Gischt an der Kaimauer aufsteigen.

Die höchsten Wellentürme sind zum Glück weit vom Ufer entfernt. Sie steigen auf, bilden einen Kamm aus weißem Schaum, der sich zu einer Krone verdichtet. Dann kräuselt sich die oberste Linie, neigt sich nach unten, rollt sich ein, schickt kleine Schaumfetzen vor sich her, bis mit gewaltigem Donnern die fast senkrechte Wand aus Wasser nach unten stürzt. Dort trifft sie auf eine weitere Wand, die gerade dabei ist, auf das Ufer zuzurollen und mit noch lauterem Getöse heranzustürzen….

Dann ist alles nur noch kochender Schaum, der nach vorn flutet, auf die zerklüfteten Lavasteine am Ufer trifft und dort zu Fontänen hochsteigt. Noch wilder wird das Schauspiel, wenn die zurückflutenden Wassermassen auf die heranrollenden Wogenkämme auftreffen.

An diesem aufgewühlten Meer entlang zu wandern erfordert Mut. Scheinbar nur auf Armlänge von den krachenden Wasserwänden entfernt zu sein, ist nichts für schwache Nerven. Unwillkürlich denke ich an einen Tsunami, der mich überrollen und in die Tiefe ziehen könnte…. Dies geschieht zum Glück nicht, doch der Nordwind treibt mir die Brandungsfetzen um die Ohren. Wie gewaltsam dieses Naturschauspiel ist, merke ich erst, als ich zurück bin in meinem ruhigen Zimmer. Dort mache ich es mir auf der Couch gemütlich, strecke mich aus und gebiete innerlich dem Sturm und den Wellen Einhalt. Ich kuschele mich in eine Wolldecke, mit einer guten Flasche Wein neben mir und einem spannenden Buch in der Hand.