Verflixte Tanzstunde

Ingrid Dietrich

Luise war aufgeregt. Morgen sollte der Tanzkurs beginnen, zu dem sich die Hälfte ihrer Klasse aus dem christlichen Mädchengymnasium angemeldet hatte. Die Nonnen waren natürlich im Bilde und machten seit Wochen spitze Bemerkungen über dieses „weltliche Vergnügen“. Auch unter Luises Klassenkameradinnen brodelte es. Tipps zur passenden Garderobe wurden ausgetauscht, Frisuren ausprobiert, neue Schuhe mit Louis-Quinze-Absätzen wurden gekauft. Die „Fortgeschrittenen“ unter den Mädchen tuschelten über Jungs und wie mit ihnen umzugehen wäre.

Luise wurde in diese Flüster-Gespräche nicht miteinbezogen, denn sie galt als Streberin. Sie war die Klassenbeste und wollte immer alles richtig machen. Mit ihren 15 Jahren hatte sie keinerlei Erfahrung mit dem anderen Geschlecht. Da schienen ihr einige Mitschülerinnen weit voraus zu sein.

Entsprechend groß war Luises Anspannung vor dem Ungewissen, das da auf sie zukommen würde. Am Nachmittag vor der ersten Tanzstunde verbrachte sie mehr als eine Stunde damit, ihre Hochschlagfrisur aufzutürmen und mit Haarspray und vielen Klammern bombenfest zu fixieren. Sie streifte vorsichtig die Seidenstrümpfe über, deren Naht immer wieder verrutschte, und zog den frisch gestärkten Petticoat an, darüber einen weiten, gepunkteten Rock und eine frische weiße Bluse. Ein roter Stretch-Gürtel betonte ihre mädchenhafte Taille. Mit dieser Aufmachung sah sie ganz passabel aus, und sie war mit sich zufrieden. Noch schnell ein paar Probe-Runden mit den ungewohnt hohen Absätzen durch die Wohnung gestöckelt, und dann ging es los.

In dem gediegenen, holzgetäfelten Raum der Tanzschule für höhere Söhne und Töchter roch es nach Bohnerwachs, Parfum und Angstschweiß. Das Parkett war frisch gebohnert und entsprechend glatt. Im Abstand von ca. 10 Metern saß eine Reihe aufgeputzter Mädchen vor einer Reihe schwitzender Jungen von 16 oder 17 Jahren, die die jungen Damen aus den Augenwinkeln beäugten.

Mit launigen Worten begrüßte sie der Tanzlehrer, ein etwas älterer beleibter Herr, der mit ein paar Witzen versuchte, den jungen Menschen die Anspannung zu nehmen. Luise fühlte sich wie auf dem Präsentierteller. Sie wagte es nicht, die aufgereihten Jungen genauer zu mustern oder herauszufinden, wer ihr gefallen könnte. Das hatten die anderen Mädchen schon längst getan. Mit koketten Signalen versuchten sie, die Betreffenden auf sich aufmerksam zu machen.

Die Jungen waren genauso verlegen wie die Mädchen, nahmen die Sache aber sportlich. Auf das Signal des Tanzlehrers zum Auffordern der „Damen“ spurteten sie los, rempelten und traten die anderen weg, bis sie vor dem Mädchen ihrer Wahl landeten.

Luise wartete beklommen, wer sie wohl auffordern würde. Mehrere Tänzer waren dabei, die oft genug auf ihren Füßen standen.

Immerhin überstand sie die erste Runde ohne Notlandung auf dem glatten Parkett. Danach gab es noch mehrere Runden, wobei sich schon erste Vorlieben zwischen den Tänzern und Tänzerinnen abzeichneten. Ihre Klassenkameradinnen hatten schon ihre Favoriten ausgemacht und standen mit ihnen in regem Funkkontakt. Luise, die zwar in Englisch und Französisch die Beste war, hatte von dieser heimlichen Signalsprache keine Ahnung. Sie wusste gar nicht, dass sie einen Jungen aktiv heranlocken konnte, und wartete jeweils gottergeben darauf, wer wohl auf sie zukommen würde.

So ging die erste Tanzstunde vorbei. Während ihre Klassenkameradinnen danach noch in Grüppchen zusammenstanden und das aufregende Geschehen durchhechelten, musste Luise sich beeilen, um ihre Straßenbahn zu erreichen. Sie wohnte in einen weit entfernten Vorort und musste an einer einsam gelegenen Haltestelle aussteigen. Dort stand, wie verabredet, ihr Vater, um sie nach Hause zu begleiten.

Auf die zweite Tanzstunde kam es an. So hatte sie es den aufgeregten Gesprächen auf dem Pausenhof entnommen. Die Mädchen machten sich dafür besonders hübsch, denn da wählten die Jungen ihre Tanzpartnerinnen für den Mittelball. Auch Luise nahm ihren Petticoat und zog ihr bestes Kleid an. Dazu gehörten farblich passende, vorn spitz zulaufende Schuhe mit geschwungenem Absatz. Für die Hochschlagfrisur brauchte sie wieder eine Stunde. Zum Schluss malte sie sich noch die Lippen rot an, was ihren kleinen, herzförmigen Mund betonte.

Ihre Aufmachung hatte den gewünschten Erfolg. Sie wurde gleich zu Anfang von einem netten, gut aussehenden Jungen aufgefordert, mit dem sie den ganzen Abend tanzte. Sie hatten Spaß an der gemeinsamen Bewegung. Seine schmerzhaften Tritte auf ihre Zehen und die Schrammen an seinem Schienbein durch ihre spitzen Schuhe wurden ohne Schmerzenslaute weggesteckt.

Immer wieder stürmten die Jungen nach den Tanzpausen in sportlichen Sprints auf die Reihe der Mädchen zu. Luises Tanzpartner musste wohl so etwas wie ein Klassensprecher bei den Gymnasiasten sein, denn keiner kam ihm beim Auffordern mehr in die Quere. Es war klar, dass er es auf Luise abgesehen hatte. Sie war stolz und glücklich und genoss seine Aufmerksamkeit.

Er brachte sie nach der Tanzstunde zur Haltestelle der Straßenbahn. Auf dem Weg dorthin siezten sie sich, wie es damals üblich war, sie unterhielten sich dabei aber prächtig. Auf halber Strecke sagte Luises Begleiter höflich: „Sollen wir uns nicht duzen? Wir sind doch beide noch nicht 17 …“ Sie hatte nichts dagegen, denn er gefiel ihr.

Dann kam der entscheidende Moment: Als die Straßenbahn nahte, rückte er näher an Luise heran und sagte: „Ich möchte dich gerne zum Mittelball einladen“. Doch statt „Ja, gerne!“ zu antworten, schlugen alle ihre Hemmungen voll zu. Sie wurde ganz verdattert und stotterte: „Ich will es mir nochmal überlegen …“