Zehn Füße

Doris Schmidt-Bergholz

„He! Kannst du nicht aufpassen?“ Mit einem beherzten Ameisenkrabbler rettete sich Phillip auf die Seite. Fast wäre er unter die Katertatze geraten und ‚was dann gewesen wäre …!‘ Phillip schauderte bei dem Gedanken. Darüber wollte er lieber nicht nachdenken.

Aber Phillip saß der Schreck noch in den Knochen und so schimpfte er laut und vernehmlich: „Jetzt habe ich aber genug! Den ganzen Tag rackern und dann zu allem Überfluss auch noch von einer Riesentatze im Boden zermahlen werden …! Ich will nicht mehr Ameise sein!!! Ab sofort rühre ich keinen Fuß mehr!“

Zur Bekräftigung ließ Phillip sich in den weichen Sand fallen, den die Sonnenstrahlen den ganzen Tag über herrlich aufgewärmt hatten. Er räkelte sich behaglich, bis sich eine kleine Mulde gebildet hatte und Phillip in ihr ruhte, wie in einem bequemen Bett.

„Es tut mir leid. Das wollte ich nicht“, ließ sich Theodor, der Kater zerknirscht vernehmen, dessen Pfote aus Phillip beinahe Mus gemacht hatte. „Lässt du mich mitspielen: ICH-WILL-NICHT-MEHR-AMEISE-SEIN?“, fragte Theodor und warf sich neben Phillip in den Sand. Ehe der noch irgendetwas sagen konnte, ließ der Kater sein zufriedenes Schnurren hören und döste schon bald zufrieden vor sich hin.

„Mmmhuu, was mache ich jetzt?“ Ratlos sah sich Phillip um. Der Kater war ganz offensichtlich bereits abgedriftet in ferne Traumwelten und er, Phillip, was machte er jetzt? Halt, war da nicht etwas Hartes unter seinem Rücken? Phillip tastete vorsichtig mit einem Fuß. Ja, in der Tat, mit ein paar Blättern wäre sein Lager viel weicher. Phillip sprang auf seine Füße und machte sich auf die Suche. Ooooh, es gab so viele herrliche weiche Blätter … und das Moos erst …! Phillip begann, das erste Blatt in seine Mulde zu tragen. Dann das zweite Blatt …! Dann das dritte Blatt …! Dann das Moos! Das dauerte lange.

Theodor schaute ihm mit skeptischen Blicken aus einem halbgeöffneten Auge zu.

Phillip war sehr, sehr eifrig beschäftigt und hatte nach emsiger Zeit seine gesamte Beute in seine Sandmulde getragen und sie damit gepolstert. „Aaah, jetzt ist es viel bequemer“, probierte er sein neues Bett.

Theodor hatte aufgehört zu schnurren. Die ganze Zeit hatte er sich nicht ein einziges Mal gerührt. „Du nervst“, fauchte er Phillip an. „Du verbreitest eine solche Unruhe! Wie soll ich da in Ruhe Ich-will-nicht-mehr-Ameise-sein spielen?“

„Ist ja schon gut.“ Mit dem besten Vorsatz, Ich–will-nicht-mehr-Ameise-sein weiterzuspielen, legte Phillip sich brav auf sein Blätterbett. Kater Theodor war zufrieden und begann wieder zu schnurren.

„Findest du nicht auch, dass es ein bisschen windig ist?“, fragte Phillip Theodor nach einem Augenblick und ehe der antworten konnte, war Phillip bereits wieder auf seinen Beinen und dabei, Äste und Zweige herbeizubringen.

„Chchch“, Theodor war sauer und fauchte. „Du nimmst mir meine liebe Ruhe!“

Erschreckt ließ Phillip alles fallen und streckte sich wieder müßig aus. Das ging nicht lange, dann räkelte er sich hin und her und her und hin und irgendwie passte dies nicht und das nicht und jenes nicht. „Oh, da hinten gibt es so wundervolle flauschige Gräser“, schwärmte er und schon war er wieder auf und davon, um alles herbeizuholen, was er so gutes in seiner Umgebung sah.

„Mit dir spiele ich nie mehr Ich-will-nicht-mehr-Ameise-sein!“ Theodor erhob sich ärgerlich, trottete schläfrig vier Meter weiter und rollte sich unter dem nächsten Baum zusammen, seinen Schwanz mit der weißen Fellspitze eng um sich gelegt.

Phillip indessen war selig dabei, die Gräser zu verbauen, die Äste, das Moos.

„Oooh, was für ein wunderschöner Ameisenbau!“ Da stand Greta, die Ameisenkönigin, von der Phillip heimlich geträumt hatte und bewunderte sein Werk.

„Ameisenbau? Ameisenbau?“ Phillip ließ verdutzt den Grashalm fallen, den er gerade verbauen wollte und trat verwundert neben Greta, um zu sehen, was sie sah.

Tatsächlich! Ein Ameisenbau! Er hatte einen Ameisenbau gebaut! Und wie schön! Er, Phillip, hatte ihn gebaut! So etwas konnte er! Das hatte er nicht gewusst. Phillip stand da und staunte.

„Hier will ich wohnen?“, rief Greta aus.